Mein Weg zum ePub-Lesen

Mein Weg zum ePub-Lesen, wie das schon klingt. Nach Pups auf einem Pilgerweg? Nach stückchenweiser Erkenntnis auf einem Weg voller Gabelungen und Ablenkungen? Nach langsamer Genesung von, von, ja, von was eigentlich?

Nein, nichts von alledem trifft zu. Es war ein klarer, ein gerader Weg. Und auch, ja, doch, ein sehr zufälliger.

Klar und gerade, weil es nur darum ging, das richtige E-Book zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu öffnen und lesen zu können. Dazu unten mehr.

Zufällig, weil ein E-Book ohne Gerät nicht lesbar ist, und es der Zufall wollte, dass ich im Jahr 2009 ein E-Lese-Gerät geschenkt bekam, ein Smartphone.

Natürlich verteilte die Herstellerfirma die Geräte nicht ganz uneigennützig, sondern zum Zwecke der nachhaltigen Kundenbindung. Erfolgreich. Seitdem bin ich nicht mehr vom Smartphone weggekommen.

Und natürlich hatte ich auch etwas dafür tun müssen, zu dieser mittelfrühen User Group zu gehören: Vier Monate hatte ich über die europäischen Parlamentswahlen bloggen müssen, nicht gerade ein fetziges Thema also, über die Kampagnen, die Themen, die Personalien, die Abläufe, zusammen mit etwa 50 anderen europäischen Journalisten und Bloggern. Ich schrieb über eine neue poetische EU-Verfassung, über Sprüche auf Klotüren an europäischen Flughäfen und machte eine 10-Minuten-Speed-Recherche auf den Webseiten der Europakampagnen der deutschen Parteien. Fast alle von uns gingen mit irgendeinem neuen Gerät nach Hause – und bloggten weiter, über andere Themen.

Ich entdeckte das Universum des mobilen Internets. Auf einmal hatte ich einen kleinen Computer in der Hand, der mich ins Netz einloggen konnte, wenn irgendwo W-Lan vorhanden war, der fotografieren und Sounddateien speichern konnte, der aber auch eine Jukebox mit meiner Musik war – und der mich an einen App-Store vermittelte. Ich hätte mir nie einen solchen Minicomputer gekauft, denn mein aktuelles Telefon funktionierte noch & ich brauchte es nur zum SMS-Schreiben und Telefonieren. Und dazu nutzte ich auch zunächst mein neues Smartphone.

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Bis ein Freund mir zeigte, wie viele kostenlose Apps es doch gäbe: Damals, in den Urzeiten der Apps, waren etwa die Biertrink-App und die Gitarren-App total beliebt, bei der sich das Telefon in ein Bierglas oder in einen Gitarrenhals verwandelte. Diese lud ich mir dann auch herunter, zeigte sie auf einer Party, besonders denen, die noch nie ein Smartphone gesehen hatten, und alle lachten kurz.

Die einzige App, die mich sofort überzeugte, hieß Stanza. Es gibt sie nicht mehr. Damals: ein Archiv digitaler Bücher, vieler kostenloser Klassiker für das Smartphone, aufbereitet aus dem Project Gutenberg, womit ich mir eine vor allem englisch- und französischsprachige mobile Bibliothek anlegte. Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich jederzeit, wenn ich unterwegs war, Shakespeares Dramen oder die Fabeln von Lafontaine hätte lesen können. Das konnte ich bisher nicht, da ich sonst keine gesammelten Klassikerbände mitzuführen gewohnt war.

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Nur, ich machte von dieser neuen Möglichkeit kaum Gebrauch. Nur einmal las ich Shakespeares „The Tempest“. Die Zeit für solche langen Werke reichte unterwegs einfach nicht, Drama ging gerade noch. Und der Akku reichte auch nicht.

Das einzige kürzere, deutschsprachige Werk bei Stanza nach meinem Geschmack, das ich gefunden hatte, war die Novelle „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann (hier der Downloadlink auf Project Gutenberg). Eines Tages, als ich auf einer Zugfahrt von Frankfurt nach Berlin wieder meine Bibliothek mit dem Scrollfinger durchwanderte, zog ich sie schließlich aus dem Regal, fing an zu lesen. Und las. Und las.

Ich war so absorbiert von der Erzählung, dass ich ganz regelmäßig über das Display wischte, Seite um Seite umblätterte, wie in einem „echten“ Buch. Es war Lesen wie immer, nur auf einer kleineren Seite, mit weniger Gewicht in der Hand und Leselampen-frei. Besonders gefiel mir, dass ich die Schriftgröße einstellen konnte, dass ich das Handy quer halten konnte, so dass die Zeilen so lang waren wie bei einem Reclamheftchen, aber in einer größeren Typo. Es war lesefreundlich.

Zwischendurch, in den Lese- und Nachdenkpausen, betrachtete ich die vorbeirauschende Landschaft. Das Display erlosch. Mit einem Druck auf den Startknopf war es wieder hell und ich genau an der Stelle im Text, die ich verlassen hatte. Kein Herumfummeln mit Lesezeichen, -ecken, -bändchen. Seitdem bezeichne ich mich als E-Book-Leserin.

Leider fiel mir irgendwann das Geräte herunter, das Glas-Display zersplitterte. Es war zwar noch zu benutzen, aber ich musste die wackeligen Stücke unter einer durchsichtigen Folie arretieren. Lesen machte damit nun gar keinen Spaß mehr. Nachdem schließlich auch der Menüknopf seinen Geist aufgab, musste ein neues Gerät her.

Und leider gingen meine gesammelte Stanzawerke dadurch verloren, dass sie sich nicht synchronisieren ließen – zumindest nicht von mir. Aber ich konnte mir ein Telefon ohne digitale Bibliothek nicht mehr vorstellen. Mühsam suchte ich mir über die dem Gerät angeschlossene Büchersammlung, in dem Fall iBooks, erneut ein paar Klassiker der Weltliteratur zusammen, aber viel war da nicht drin, was in die Richtung einer Thomas-Mann-Novelle ging. Das meiste waren lange, englischsprachige Texte. Endlich mal wieder den viktorianischen Ästhetik-Klassiker Walter Pater’s „The Renaissance. Studies in Art and Poetry“ lesen. Warum auch nicht? Inspiriert sein, ein Zitat markieren. Und dann nach zehn Minuten wieder weglegen.

(Ich hätte mir auch die gemeinfreien Klassiker von Project Gutenberg http://www.gutenberg.org, wo immerhin etwa 36.000 kostenlose Titel zur Verfügung stehen, herunterladen können, aber das war mir, ohne App, zu mühsam. Ich war schon im Appkanal gefangen.)

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Was blieb mir anderes übrig, als ein paar Eurocents auszugeben. Ich kaufte „I live by the river“ von Johnny Häusler, selbstverlegt, und den „Weltmüller“ von Frank Fischer von Sukultur. Beides las ich in einem Rutsch durch, denn beide Bücher funktionieren perfekt als elektronische Lektüre. Sie sind in Etappen aufgebaut – 15 Geschichten oder 3 Novellen mit kurzen Unterkapiteln. Sie sind witzig erzählt und behandeln zeitgenössische Phänomene, von der Anschaffung eines Hundes bei Häusler zu ironischer Persiflage auf den Kulturbetrieb bei Müller. Der Sukulturverlag verlangte 6,99 für 124 Seiten; Johnny Häusler für ein etwa 25 Prozent längeres Werk nur 0,99 Euro. Häuslers geringerer Preis erklärte sich dadurch, dass er sein Buch aus ehemaligen Blog-Texten zusammengebaut hatte und dass er es als Testballon in die Selfpublishing-Sphären entsendete. Der Sukulturverlag hatte ein wenig mehr in das Design des Printbuches (Cover und zumindest ein kleiner Schriftwitz im Impressum: “Superspitzeprimatoll”) investiert, so dass diese Kosten sicherlich auch auf die elektronische Version umgelegt worden waren.

Kurz, ich versprach meinem Leseselbst: „Wenn es solche Bücher gibt, werde ich in Zukunft mehr ePub-Lesen.“ Und das tue ich nun. Und ich verlege sie sogar selbst mit meinem Verlag mikrotext, diese kurzweiligen, lesbaren, preislich attraktiven, zeitgemäßen E-Books, die mittlerweile sogar auch den Weg ins Print gehen. Fragt mal nach dem gedruckten Internet via mikrotext in der Buchhandlung eures Vertrauens :).

Es ist alles eins: nämlich Lesen!

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Erzähle auch du doch auch von deinem ersten E-Book, in der Blogparade #1stebook, zu der derzeit das erste E-Book-Festival Deutschlands aufgerufen hat. Bis zum 15. Juni werden erste E-Lese-Erlebnisse gesucht!

Dieser Post ist auch enthalten in dem kostenlosen ePub „Die Ästhetik des E-Book“, herausgegeben von der Electric Book Fair 2014. Download hier.

Platz 6 mit Humor

Inspiriert von Johnny Häuslers erfolgreichem und wirklich lesbarem Selbstexperiment, einfach mal ein Ebook zu produzieren und zu schauen, was passiert (ok, so einfach ist es nicht, man muss schon alle seine Freunde und Bekannte zuspammen), hab ich gestern eine meiner Kurzgeschichten auf Amazon angeboten. Und vorher mit Basis-Designwissen ein trashiges Cover aus einem Urlaubsfoto gebastelt. Gestern fanden das zwar viele auf Facebook toll, aber ich verkaufte nur zwei Exemplare.

Heute bin ich auf dieses windige Amazon-Angebot angegangen, das Buch 90 Tage exklusiv nur bei ihnen anzubieten und es in das Ausleihprogramm mit aufnehmen zu lassen. Das funktioniert meines Wissens erst in den USA, und ich kann als Autorin nichts verdienen, wenn mein Buch ausgeliehen wird. Aber: Ich kann Anteile am Amazon-Fonds erwerben, der sich pro Monat auf 600.000 und bis Ende 2012 auf 6 Millionen Dollar beruft. Ich glaube kaum, dass jemand in den USA mein Buch ausleihen wird, außer vielleicht irgendwelche christlichen Fundamentalisten deutscher Abstammung, die denken, ich habe über die Pilgerreise meines Freundes in den Vatikan geschrieben. Gut an diesem Angebot ist aber, dass ich das Buch fünf Tage lang kostenlos anbieten kann. Und siehe da: Nach einem Tag plus Twitterei, Facebookerei und Mailerei finde ich es in der Rubrik „Humor“ auf Platz 6. Die heruntergeladenen Exemplare wurden immer dann mehr, wenn ich auf den kostenlosen Download hingewisen habe. Ohne digitalen Wirbel gehts also nicht. Und der ist ganz schön nervenaufreibend. Klick hier, klick da, hier was checken, da was aktualisieren… Puh. Insgesamt hab ich 101 Exemplare verschenkt.

Nun frage ich mich natürlich, was passieren wird, wenn ich das Buch auf einmal wieder kostenpflichtig anbiete. Rutsche ich dann aus der Gratis-Bestsellerliste heraus? Oder automatisch in die Bezahl-Bestsellerliste?

Da ich mir nicht sicher war, ob in meinem Leser- und Bekanntenkreis überhaupt Kindle-Bücher heruntergeladen werden (können), ob also überhaupt die Geräte- und Techniklage es erlaubt, bin ich nun belehrt worden. Ja, es wird gemacht. Und ich könnte mir vorstellen, dass, wenn ich einen anderen Shop benutzt hätte, es auch funktioniert hätte.

Nachtrag: 22 Uhr, die Schnapszahl 44 zeigt den Papst bei den Top 100 in der Groß-Rubrik „Belletristik“: