Warum den E-Books die Zukunft gehört

Ich möchte jetzt keine Papierleser vergraulen, das schonmal vorweg. Ich bin zwar missionarisch, aber nicht radikal. Sie sitzen da jetzt vor dem Bildschirm, aber vielleicht auch gerne mit der raschelnden Zeitung dann und wann und regelmäßig. Der Duft von Druckerschwärze steigt ihnen in die Nase, klebt an den Fingern, eventuell sogar auf dem Tisch, weil dort Kaffee verschüttet wurde, der irgendwelche zufällige Schrift auf die darunterliegende harte Oberfläche gepaust hat. Ich habe ja gar nichts dagegen! Ich finde das romantisch, gemütlich, wertvoll und traditionell.
Aber es gibt da eine Tatsache: Ich lese selbst seit vielen Jahren immer mehr auf dem Bildschirm. Erst war es der Computer mit seinen Chats, E-Mailprogrammen, Webseiten, dann kam das Smartphone mit seinen Apps, Digitalausgaben, Social-Media-Plattformen. Absolut fasziniert war ich von der digitalen Handy-Bibliothek, die meist noch so aussah, als sei sie einem Bücherregal aus Holz nachempfunden. Nun trage ich die Weltliteratur, seit 1971 kostenlos bereitgestellt von Gutenberg Project, mit mir herum. Das ist meine neue Tradition.

Da rufen einige: „Bald kommt die Screen Fatigue. Alle wollen dann wieder zum Papier, weg von diesen grellen Geräten.“

In einer Krankenkassenzeitschrift sah ich einmal eine Zeichnung eines Smartphone-Halses. Das ist noch keine Krankheit, aber, so ähnlich, wie der SMS- oder WhatsApp-Daumen, ein zivilisatorisches Symptom. Ein Laptop wärmt deinen Schoß durch die Jeans wie bei einem völlig hautfreien Cybersex. Ein Mini-Computer liegt neben dir, wenn du einschläfst. Er leuchtet dir ins Gesicht, wenn du aufwachst, er sagt dir die Uhrzeit, er spricht mit Siri-Stimme, er zeigt dir den Weg (Mist, du wolltest doch die Ortungsdienste endlich wieder ausstellen). Dein Hals beugt sich nach vorne: Dein Körper liest.
Denn die Displays bringen uns das Lesen zurück, dahin, wo gerade kein Buch zur Hand ist. Das Smartphone zu Hause zu vergessen, fühlt sich mittlerweile für mich so ähnlich an, wie den Schlüssel zu Hause zu vergessen. Mit diesem Smartphone in der Hand kann ich Facebook checken, aber auch ein E-Book lesen. Sogar im Dunklen, wenn das Baby oder der Partner schon schlafen, oder in einer langweiligen Vorlesung (kein Papierrascheln beim Umblättern) oder im Transit oder beim Pendeln. Kein Extra-Gepäck nötig. Das Handy rettet das Lesen!

Daher sage ich euch: „Nein. Es gibt kein Zurück mehr in eine puristisch analoge Lesezeit.“

Bereits jetzt lesen Jugendliche (die Zukunft) sowohl digital als auch analog. Sie lesen und schreiben sogar mehr als früher wegen der digitalen Mediennutzung, die nämlich eine textbasierte ist. Gerade hat eine Studie des britischen National Literary Trust herausgefunden, dass E-Books in der Schule die Lesekompetenz, insbesonders von Jungen, fördern. Das Scrollen und Zoomen beim E-Book-Lesen empfanden viele Schüler als anregend im Vergleich zum Lesen von gedruckten Büchern.
Aber das ist ja alles nur das Handling. Sozusagen ob der Text jetzt im Pappkarton liegt oder in einer Plastikkiste.
Interessanter finde ich, welche kleinen Revolutionen das E-Book ermöglicht: Die Länge der veröffentlichten Texte ist irrelevant, da kann sehr Kurzes, Aktuelles erscheinen, aber auch Tausend Gesammelte Werke. In einer Datei. Die wiegt nichts, benötigt keinen Platz im Regal, nur ein wenig Speicherplatz. Sie muss nicht gedruckt, vertrieben, gelagert werden – sie ist also eine schnellere Publikationsform für den Zeitgeist, aber ermöglicht es auch, vergriffene Titel wieder zum Leben zu erwecken.
Wichtig auch: Das E-Book ist ein offener Programmierungsstandard, der von einer Institution in Seattle überwacht und weiterentwickelt wird – da heißt, jedes E-Book der Welt ist vom Prinzip her gleich. Niemand wird ausgegrenzt. Jetzt musste ich ein wenig technisch werden, Entschuldigung, bleiben Sie trotzdem dran. Denn ich sage jetzt nichts über XHTML und das Lesen von E-Books im Browser oder die lokalen Grenzen der E-Book-Shops, die noch überwunden werden müssen.

Daher nur noch ein Gedanke: Denn auch wenn Sie noch kein E-Book gelesen haben, wird vielen Ländern mit weniger Buchreichtum als bei uns nur durch das E-Book der Zugang zu Büchern ermöglicht: Die NGO World Reader etwa bringt solarbetriebene digitale Lesegeräte inklusive der E-Books in bisher 245 Schulen und Bibliotheken in 12 afrikanischen Länder wie Kenia, Ghana, Uganda, Sierre Leone. Und das ist nur eines von vielen Projekten, das zeigt, dass durch das E-Book das Lesen und die Texte (und die Tradition!) bewahrt und gefördert wird. Das digitale Buch kommt als Datei in alle Ecken der Welt: per Knopfdruck, Internet, ob W-Lan oder mobil. Es ist unabhängig, frei und dauerhaft. Schauen Sie mal rein in Ihr Gerät.
Es gibt keine Zukunft für gedruckte Bücher. Nur eine gemeinsame: für gedruckte und digitale.

Zuerst erschienen in der Zukunft-Ausgabe von der Freitag, https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/buecher-fuer-den-smartphone-hals, leicht angepasst.

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Rainer Moritz über den Eurovision Song Contest

Rainer Moritz LiederJetzt müssen sie wieder ein Jahr warten. Alle ESC-Afficionados. Und derweil läuft einmal wieder die Punkte-Analyse-Maschine. Warum, warum haben „wir“ dieses Jahr nur 0 Punkte bekommen? Warum mag „uns“ (Deutsche) keiner? Etc. Wer gerne die populäre Kultur und allgemeine politische Tendenzen zusammenliest, kann sich mit dem neuen E-Book von Rainer Moritz, der auch Leiter des Literaturhauses Hamburg ist, in nostalgischen Gedanken zum europäischen Schlagerwesen verlieren. In vier Essays erinnert er sich an seinen ganz persönlichen Wettbewerb, wie er ihn als Kind in den 70ern zwischen Eltern mitfiebernd erlebte oder wie Lena Meyer-Landrut 2011 als neuer Stern, äh, Satellit aufging: „Erst mit Lena und ihrem in einem bis dahin unbekannten englischen Dialekt vorgetragenen Satellite wurde schlagartig alles anders. Deutschland war wieder wer, und ausgerechnet der lange als Mottenkiste der schlechten Musik verschriene Eurovision Song Contest schaffte es, nationalen Taumel auszulösen.“

Die Essays sind flott geschrieben – und hier und da vermutlich als Teile schon in journalistischen Beiträgen vorher erschienen – und künden vom wahren Fantum, aber auch von diesem ungemütlichen Wir-Gefühl der Deutschen, die wieder wer sein wollen. Ein wenig kritische Masse hätte dem E-Book nicht geschadet, auch zur Marketing-Maschinerie, den hysterischen Vorrunden und dem Product Placement, für das mittlerweile der ESC steht. Auch eine kleine musikalische Analyse: vom Chanson zum Mainstream-Schlager, so in der Art, hätte das E-Book abgerundet. Versöhnlich schenkt uns der Autor zum Schluss eine Fleißarbeit, eine Liste seiner liebsten Auftritte und/oder Gesänge. Na gut, Listen gehen ja immer. Wenn diese dann noch verlinkt wäre, so dass die Leserin schnell ins digitale Archiv herüberwechseln könnte, dann wäre es zu schön. So ist es aber auch ok als individuelle Auseinandersetzung mit der Durchschnittlichkeit, die man früher Trash nannte und heute Mainstream heißt. Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel (hier, ein bisschen Werbung, gibt es von ihr ein E-Book) hat es, meines Erachtens, für die VICE mal wieder urpassend zusammengefasst: „Früher war alles auf eine schlechtere Art besser.“

Rainer Moritz: Lieder, die wie Brücken sind. Hanserbox, Mai 2015. 2,99 Euro.

Ein Techniktagebuch, herausgegeben von Kathrin Passig

54e3c65e7fcd20dd763fadcfAnfang 2014 begann die kluge Netzvordenkerin Kathrin Passig mit dem Kollektiv-Tumblr „Techniktagebuch“, auf dem mittlerweile etwa 100 Autoren ihre Erlebnisse mit Werkzeugen der digitalen Evolution festhalten: ein Alltagsarchiv über erste Computer, den Walkman, vordigitale Schriftkulturen, Einwegkameras, dessen Zeitleiste bis in die 1950er Jahre zurückreicht. Weil die Maschinen auch Nutzerverhalten einfordern, verwandeln sie sich in plastische Gegenüber, die sich querstellen, faszinieren, amüsieren, manchmal schnell wieder verschwinden. Durch das Techniktagebuch bleiben sie uns erhalten: auf der URL, als kostenloses Blog-Gesamt-Download von 2000 Seiten PDF oder in einer kaufbaren Best-of-Auswahl, sortiert nach dem Zeitpunkt des technisch Erlebten. Mein Lieblingsbeitrag erzählt von einem „Quotenmädchen auf der CeBIT“, der Herausgeberin selbst, um 1986, die mit zwei Freunden einen Grafikwettbewerb betreut – so gut, dass sie sich selbst den Gewinn, den Computer „Iskra Delta Partner“ zuschustern. Leider wird er ohne Betriebssystem geliefert. Technik: nicht erklärt, sondern wirklich erzählt.

Kathrin Passig (Hg.): Wir hatten ja nix. Ein Techniktagebuch. sobooks. 1,99 Euro

Zuerst erschienen im Missy Magazine, Mai 2015.

Tausend Tode schreiben, herausgegeben von Christiane Frohmann

tumblr_nfumi3H33I1snbv2io1_1280Es erscheint wie ein wahnwitziges Projekt: 1000 heutige Texte über den Tod will die Digitalverlegerin Christiane Frohmann sammeln. Mittlerweile liegt die dritte Version von „Tausend Tode schreiben“ mit 425 Beitragenden vor, darunter die Musikerin Sookee, Autorinnen wie Daniela Seel, Sarah Khan, Margarete Stokowski, Twitterer, Blogger, Menschen aus dem Netz und von anderswo. Bis Oktober 2015 soll die runde Zahl erreicht sein, ihr könnt auch noch mitschreiben. Das Erstaunliche: Es ist nicht deprimierend, so exzessiv über so das Ende des Lebens zu lesen, es ist sogar erbaulich. Denn immer wenn jemand geht, bleibt auch etwas. Ja, das ist eine banale Erkenntnis. Ebenso banal: Sterben ist auch in unseren klinisch-gesunden Zeiten nicht überwunden, es ist mitten unter uns. Aber es fordert uns wie eh und je heraus. Total. Emotional.

Christiane Frohmann (Hg.): Tausend Tode schreiben. Version 3.1. Frohmann Verlag. 4,99 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, Mai 2015.

Schnelle Nummer von Nora Bossong

978-3-446-24797-0_214925113635-90-copyIn Zeiten des „conservative turn“, der Frauen glücklich mit Dutt und Blümchenkleid herumlaufen lässt, ist es nur zwangsläufig, dass auch das Stundenhotel ein Revival erlebt: ein Ort für die versteckte, zeitgenau abgerechnete Affäre, die das offizielle Paarleben nicht hinterfragt. Auf der Website des Wiener Hotels Orient, einem der berühmtesten Stundenhotels der Welt, das Nora Bossong in ihrer literarischen Reportage besucht, steht folglich: „Sauber verschwiegen. All die Abdrücke am Lacktisch vor dem Spiegel: Traumreste. Traumreste, um die die Dienstmädchen sich kümmern.“ Ich könnte mich schon auf der Website dieses Hotels festlesen, Rotlichtfantasien mit Ethnokitsch („Masken und Kultgegenstände aus Afrika“), aber besser ist es natürlich, dass die Autorin selbst dort und an vielen anderen Orten eingecheckt und ihre Eindrücke aufgeschrieben hat: „Barock von hinten.“ Zumal das Stundenhotel von heute weitaus vielfältigere Dienste leistet als gedacht. Einige besuchen es sogar, um mal in Ruhe miteinander zu reden. Anregend und erhellend.

Nora Bossong: Schnelle Nummer. Hanser Box, 1,99 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, November 2014.

Hannes Bajohr über Judith N. Shklar

006264.bigIn Deutschland ist sie noch eine Unbekannte, im englischsprachigen Raum gilt sie als Klassikerin der politischen Theorie. Judith N. Shklar, als Judita Nisse in eine deutschsprachige jüdische Familie in Riga geboren, war die erste Frau mit einer Festanstellung in der Fakultät für Politikwissenschaften in Harvard und eine Vermittlerin von europäischem Denken in den USA. Als Tochter eines erfolgreichen Unternehmers und einer Mutter, die kostenlose Kliniken betrieb, bekam sie noch in Lettland die beste bürgerliche Erziehung und wurde 1939 mit 13 Jahren zu einem Flüchtling. Hannes Bajohrs Einführung in das Leben und Werk dieser beeindruckenden Frau geht chronologisch vor und zeichnet sowohl ihre Denkfiguren wie auch ihren Alltag als Frau nach – etwa den Kampf um eine Teilzeitprofessur als Mutter. Shklar sah sich zeitlebens als Außenseiterin – daher auch ihr Glaube daran, dass „gesellschaftliche Vielfalt die vorherrschende Bedingung moderner Nationalstaaten ist und dass man sie unterstützen soll“.

Hannes Bajohr: Judith N. Shklar. MseB bei Matthes & Seitz Berlin. 1,99 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, November 2014.

New Level. Computerspiele und Literatur, herausgegeben von Thomas Böhm

metnew-levelLasst euch vom Titel nicht abschrecken: „New Level. Computerspiele und Literatur“, herausgegeben von Thomas Böhm, ist keine Doktorarbeit der Geisteswissenschaft, sondern ein durchaus unterhaltsamer, kluger, experimenteller Sammelband, der begleitend zum internationalen Literaturfestival erschienen ist und fiktive Spieleentwürfe enthält. Ich durchbreche mit dieser Rezension kurz meine mir selbst auferlegte Aufgabe, nur auf digital-only-Publikationen hinzuweisen, weil, ja, weil das Thema dieser Anthologie selbst ein digitales ist. Ulrike Draesner ist mit der Anleitung zu einem Wolfsgame vertreten, das die Körpererfahrung dieses Tiers vermittelt, mit Monika Rinck therapiert man sein Gehirn vor dem eigenen Selbstmord, der syrische Autor Aboud Saeed lässt „Cyberklone auf Facebook“ auferstehen, Sasa Stanisic wünscht sich ein Role Playing Game herbei, das vom Finale her gespielt wird. „Ein Ego-Shooter führt den Charakter durch eine von ihm zusammengeschossene, entvölkerte Welt.“ Liebe Autoren, die Spieleindustrie könnte euch gut gebrauchen!

Thomas Böhm (Hg.): New Level. Computerspiele und Literatur. Metrolit, September 2014. 18 Euro

Mehr als nur Freundinnen von Eva Prinz

Prinz_Mehr-als-Freundinnen_mit-RandDies ist ein Frauenroman wie er typischer nicht sein könnte: Anna und Kristin lernen sich als Studentinnen kennen, bekommen gleichzeitig ihr erstes Kind und tauschen sich mehr oder weniger regelmäßig über ihren Alltag zwischen Hausarbeit, Erziehung, Mannbeziehung und Job aus. Das liest sich zwar ganz gut, denn Eva Prinz, im ersten Beruf Lehrerin und im zweiten mit diesem Debütroman Autorin, kann erzählen und ihren Figuren Leben auf einer Zeitleiste einhauchen. Aber genau da liegt das Problem: Die Figuren sind zu erwartbar. Unglaublich, wie ungebrochen alle Szenen dieser Ehen durchdekliniert werden – Hausbau, Tod der Eltern, Flucht in den Sport, ja, es gibt sogar einen kleinen Seitensprung. Es kann sein, dass viele Frauen sich in diesem Text wiederfinden, wahrscheinlich ist in Deutschland die weiße Mittelschichtshausfrau noch immer hoch im Kurs. Aber ist das alles, was ein Text erreichen will? Wenn schon Hausfrauen, dann bitte desperate housewives.

Eva Prinz: Mehr als nur Freundinnen. if eBooks, Juni 2014. 4,99 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, November 2014.

Ein schlechter Sohn von A.L. Kennedy

978-3-446-24809-0_214925113943-104Was macht einen guten Sohn aus? A.L. Kennedy’s Kurzgeschichte „Ein schlechter Sohn“, die als E-Single in der Hanser Box erscheint, der neuen Digitalsparte des Hanserverlags, beginnt mit einem Rodelunfall und wird zu einem philosophischen Lehrstück. Ronald, ein wohl sonst eher braver Junge, fährt zu rasant einen Schneehügel herunter, „scheißverrückt“, sagt da der Kumpel Jim, der ihm aufhilft und ihn mit zu sich einlädt. Und dann kommt da eine Angst. Die schottische Autorin lässt diese Angst langsam an Roland heranschleichen, in kursiv gesetztem inneren Monolog. Und erst im letzten Satz deutet sich an, dass aus der Angst eine Stärke werden könnte. Dass der gute Sohn ein schlechter sein sollte, um etwas Gutes tun zu können. Es geht um den Ausbruch aus der genormten Identität, um ein eigenes Selbst und damit auch die Umwelt zu formen. Zuletzt setzte sich A.L. Kennedy für die Unabhängigkeit Schottlands von England ein: Es würde „die Hoffnung ausdrücken, dass schottische Wähler es schaffen können, ein Land hervorzubringen, das sie verdient haben“. Auch wenn das Referendum mit „Nein“ ausging, scheint es für die Autorin immer einen Versuch wert zu sein, den Status Quo verändern zu wollen.

A.L Kennedy: Ein schlechter Sohn. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Carl Hanser Verlag in der Hanser Box, Oktober 2014. 1,99 Euro.

Lügenvögel von Karla Schmidt

LuegenvoegelDiese Novelle liest sich wie ein Fiebertraum. Immer wieder erlangt die Geschichte eine greifbare Realität, dann hebt sie wieder ab in Welten, in denen Traumvögel nahen, der Sturm durch die Hecke rollt wie ein Bösewicht, Raupen Eier unter die Haut legen. Die Erzählerin hat einen Tumor im Gehirn, der so auf ihre Schläfenlappen drückt, dass sie unter einer zwanghaften Schreibkrankheit leidet. Hypergrafie nennt man das. Der Vater starb, nachdem er mit Radioaktivität verseucht aus Tschernobyl zurückkam. Hier erzählt also eine Überlebende von der Postapokalypse nach einer atomaren Katastrophe, die auch vor einem Hippiedorf in den Schweizer Alpen nicht haltmacht. Die Autorin Karla Schmidt, die 2009 den Deutschen Science-Fiction-Preis für die beste Kurzgeschichte erhielt, erweist sich als Chronistin der 1980er ebenso wie als Futuristin der 2050er.

Karla Schmidt: lügenvögel. Verlag das Beben, Mai 2014, 3,49 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, Mai 2014.