Das unendliche Manuskript

Ihr alle kennt sicherlich diese Manuskript-Stapel, die üblicherweise das Leben von Verlegern und Lektoren versinnbildlichen. Papier stapelt sich, schwerfällig, vorwurfsvoll, es will gelesen – oder zumindest recyclet werden.

2 Manuskriptstapel

Die Texte, mit denen ich als Digitalverlegerin zu tun habe, kommen meistens zu mir über die verschiedenen Textströme, die meinen Bildschirm durchlaufen, meinen Facebook-, meinen Twitterstream etwa. Ich folge Autorinnen und auf ihren Kanälen, das heißt, ich lese ständig mit, wenn sie schreiben, denken, kommunizieren, ich selbst bin auch mit ihnen im Gespräch, ohne Verabredung, einfach so, es geschieht, sobald wir gleichzeitig online sind oder sobald wir gleichzeitig über etwas nachdenken.

Das, was dort, in Strömen, geschrieben wird (auf Englisch: Stream) ist für mich der Manuskriptstapel, den ich abarbeite.

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Dieses unendliche Manuskript ist nicht fassbar, es ist liquide, seine Informationen sind, wortwörtlich, im Fluss, ich kann nicht bei seinem Anfang anfangen, ich kann nur mittendrin lesen – und dann wieder an einer völlig anderen Textstelle weitermachen. Dieses unendliche Manuskript kennt weder Lesezeichen noch Seitenangaben, weder Kapitelüberschriften noch Deckblatt.

Wer einmal versucht hat, etwa auf Facebook eine bestimmte Statusmeldung wiederzufinden, bemerkt, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Es gibt keine Suchfunktion für Begriffe – der Strom will nicht, dass ich ihn zurückdrehe.

Als Digitalverlag biete ich dagegen so ein Ding der Unmöglichkeit an. Einen Service. So wie das  bedruckte Papier eines Buches auch einen Service darstellt, denn Maschinen werden dafür angeworfen, Papier produziert, Schwärze angerührt, Seiten bedruckt, geschnitten, gebunden, verpackt, ausgeliefert. Im, nenne ich es mal, „Digitallektorat“ versehe ich im Internet entstandene Texte  mit einem Anfang und einem Ende. So werden sie zu Haltepunkten in der Stream-Kultur. Sie halten etwas fest. Ganz im Sinne von Alexander Kluge, der in seinem Essay „Die Entsprechung einer Oase“ davon spricht, dass unsere Köpfe, um der Reiz- und Informationsüberflutung standzuhalten, unabhängige Oasen der Kulturproduktion im Netz brauchen. E-Books können solche Oasen sein. Sie ermöglichen eine endliche Lesart des Unendlichen: Konzentration, Archiv, Austausch. Man kann zwar nicht zweimal in den selben Fluss steigen, aber zwei Menschen können das gleiche E-Book lesen.

Ein Beispiel für diesen Prozess: Die Radiojournalistin Julia Tieke traf den syrischen Aktivisten Faiz in Gaziantep, einer kleinen türkischen Stadt an der syrischen Grenze, als sie für ein Feature über oppositionelle syrische Radiosender recherchierte. Sie wurden Facebook-Freunde.

In einem Interview mit der Literaturbloggerin und Buchhändlerin Sophie Weigand sagte sie: „Als ich am Manuskript saß, fragte ich mich, was Faiz jetzt macht und wo er ist. Ich hatte von einem gemeinsamen Freund gehört, er sei in Griechenland, auf dem Weg nach Deutschland. Da nahm ich Kontakt auf, und mit meinem ersten Satz beginnt dann auch das E-Book.“

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Das ist ein Screenshot des PDFs. Als Julia Tieke mit Faiz chattete war keinem von beiden klar, dass aus diesem Chat einmal ein E-Book werden würde. Sie sendeten Informationen, Fragen, Antworten hin und her, es entstanden fragmentarische Texte, die Faiz‘ Fluchtweg von Mazedonien, nach Serbien, nach Rumänien, lückenhaft, aber direkt, ungeschönt abbilden.Weiterlesen »

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