Schnelle Nummer von Nora Bossong

978-3-446-24797-0_214925113635-90-copyIn Zeiten des „conservative turn“, der Frauen glücklich mit Dutt und Blümchenkleid herumlaufen lässt, ist es nur zwangsläufig, dass auch das Stundenhotel ein Revival erlebt: ein Ort für die versteckte, zeitgenau abgerechnete Affäre, die das offizielle Paarleben nicht hinterfragt. Auf der Website des Wiener Hotels Orient, einem der berühmtesten Stundenhotels der Welt, das Nora Bossong in ihrer literarischen Reportage besucht, steht folglich: „Sauber verschwiegen. All die Abdrücke am Lacktisch vor dem Spiegel: Traumreste. Traumreste, um die die Dienstmädchen sich kümmern.“ Ich könnte mich schon auf der Website dieses Hotels festlesen, Rotlichtfantasien mit Ethnokitsch („Masken und Kultgegenstände aus Afrika“), aber besser ist es natürlich, dass die Autorin selbst dort und an vielen anderen Orten eingecheckt und ihre Eindrücke aufgeschrieben hat: „Barock von hinten.“ Zumal das Stundenhotel von heute weitaus vielfältigere Dienste leistet als gedacht. Einige besuchen es sogar, um mal in Ruhe miteinander zu reden. Anregend und erhellend.

Nora Bossong: Schnelle Nummer. Hanser Box, 1,99 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, November 2014.

Hannes Bajohr über Judith N. Shklar

006264.bigIn Deutschland ist sie noch eine Unbekannte, im englischsprachigen Raum gilt sie als Klassikerin der politischen Theorie. Judith N. Shklar, als Judita Nisse in eine deutschsprachige jüdische Familie in Riga geboren, war die erste Frau mit einer Festanstellung in der Fakultät für Politikwissenschaften in Harvard und eine Vermittlerin von europäischem Denken in den USA. Als Tochter eines erfolgreichen Unternehmers und einer Mutter, die kostenlose Kliniken betrieb, bekam sie noch in Lettland die beste bürgerliche Erziehung und wurde 1939 mit 13 Jahren zu einem Flüchtling. Hannes Bajohrs Einführung in das Leben und Werk dieser beeindruckenden Frau geht chronologisch vor und zeichnet sowohl ihre Denkfiguren wie auch ihren Alltag als Frau nach – etwa den Kampf um eine Teilzeitprofessur als Mutter. Shklar sah sich zeitlebens als Außenseiterin – daher auch ihr Glaube daran, dass „gesellschaftliche Vielfalt die vorherrschende Bedingung moderner Nationalstaaten ist und dass man sie unterstützen soll“.

Hannes Bajohr: Judith N. Shklar. MseB bei Matthes & Seitz Berlin. 1,99 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, November 2014.

New Level. Computerspiele und Literatur, herausgegeben von Thomas Böhm

metnew-levelLasst euch vom Titel nicht abschrecken: „New Level. Computerspiele und Literatur“, herausgegeben von Thomas Böhm, ist keine Doktorarbeit der Geisteswissenschaft, sondern ein durchaus unterhaltsamer, kluger, experimenteller Sammelband, der begleitend zum internationalen Literaturfestival erschienen ist und fiktive Spieleentwürfe enthält. Ich durchbreche mit dieser Rezension kurz meine mir selbst auferlegte Aufgabe, nur auf digital-only-Publikationen hinzuweisen, weil, ja, weil das Thema dieser Anthologie selbst ein digitales ist. Ulrike Draesner ist mit der Anleitung zu einem Wolfsgame vertreten, das die Körpererfahrung dieses Tiers vermittelt, mit Monika Rinck therapiert man sein Gehirn vor dem eigenen Selbstmord, der syrische Autor Aboud Saeed lässt „Cyberklone auf Facebook“ auferstehen, Sasa Stanisic wünscht sich ein Role Playing Game herbei, das vom Finale her gespielt wird. „Ein Ego-Shooter führt den Charakter durch eine von ihm zusammengeschossene, entvölkerte Welt.“ Liebe Autoren, die Spieleindustrie könnte euch gut gebrauchen!

Thomas Böhm (Hg.): New Level. Computerspiele und Literatur. Metrolit, September 2014. 18 Euro

Mehr als nur Freundinnen von Eva Prinz

Prinz_Mehr-als-Freundinnen_mit-RandDies ist ein Frauenroman wie er typischer nicht sein könnte: Anna und Kristin lernen sich als Studentinnen kennen, bekommen gleichzeitig ihr erstes Kind und tauschen sich mehr oder weniger regelmäßig über ihren Alltag zwischen Hausarbeit, Erziehung, Mannbeziehung und Job aus. Das liest sich zwar ganz gut, denn Eva Prinz, im ersten Beruf Lehrerin und im zweiten mit diesem Debütroman Autorin, kann erzählen und ihren Figuren Leben auf einer Zeitleiste einhauchen. Aber genau da liegt das Problem: Die Figuren sind zu erwartbar. Unglaublich, wie ungebrochen alle Szenen dieser Ehen durchdekliniert werden – Hausbau, Tod der Eltern, Flucht in den Sport, ja, es gibt sogar einen kleinen Seitensprung. Es kann sein, dass viele Frauen sich in diesem Text wiederfinden, wahrscheinlich ist in Deutschland die weiße Mittelschichtshausfrau noch immer hoch im Kurs. Aber ist das alles, was ein Text erreichen will? Wenn schon Hausfrauen, dann bitte desperate housewives.

Eva Prinz: Mehr als nur Freundinnen. if eBooks, Juni 2014. 4,99 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, November 2014.

Ein schlechter Sohn von A.L. Kennedy

978-3-446-24809-0_214925113943-104Was macht einen guten Sohn aus? A.L. Kennedy’s Kurzgeschichte „Ein schlechter Sohn“, die als E-Single in der Hanser Box erscheint, der neuen Digitalsparte des Hanserverlags, beginnt mit einem Rodelunfall und wird zu einem philosophischen Lehrstück. Ronald, ein wohl sonst eher braver Junge, fährt zu rasant einen Schneehügel herunter, „scheißverrückt“, sagt da der Kumpel Jim, der ihm aufhilft und ihn mit zu sich einlädt. Und dann kommt da eine Angst. Die schottische Autorin lässt diese Angst langsam an Roland heranschleichen, in kursiv gesetztem inneren Monolog. Und erst im letzten Satz deutet sich an, dass aus der Angst eine Stärke werden könnte. Dass der gute Sohn ein schlechter sein sollte, um etwas Gutes tun zu können. Es geht um den Ausbruch aus der genormten Identität, um ein eigenes Selbst und damit auch die Umwelt zu formen. Zuletzt setzte sich A.L. Kennedy für die Unabhängigkeit Schottlands von England ein: Es würde „die Hoffnung ausdrücken, dass schottische Wähler es schaffen können, ein Land hervorzubringen, das sie verdient haben“. Auch wenn das Referendum mit „Nein“ ausging, scheint es für die Autorin immer einen Versuch wert zu sein, den Status Quo verändern zu wollen.

A.L Kennedy: Ein schlechter Sohn. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Carl Hanser Verlag in der Hanser Box, Oktober 2014. 1,99 Euro.

Lügenvögel von Karla Schmidt

LuegenvoegelDiese Novelle liest sich wie ein Fiebertraum. Immer wieder erlangt die Geschichte eine greifbare Realität, dann hebt sie wieder ab in Welten, in denen Traumvögel nahen, der Sturm durch die Hecke rollt wie ein Bösewicht, Raupen Eier unter die Haut legen. Die Erzählerin hat einen Tumor im Gehirn, der so auf ihre Schläfenlappen drückt, dass sie unter einer zwanghaften Schreibkrankheit leidet. Hypergrafie nennt man das. Der Vater starb, nachdem er mit Radioaktivität verseucht aus Tschernobyl zurückkam. Hier erzählt also eine Überlebende von der Postapokalypse nach einer atomaren Katastrophe, die auch vor einem Hippiedorf in den Schweizer Alpen nicht haltmacht. Die Autorin Karla Schmidt, die 2009 den Deutschen Science-Fiction-Preis für die beste Kurzgeschichte erhielt, erweist sich als Chronistin der 1980er ebenso wie als Futuristin der 2050er.

Karla Schmidt: lügenvögel. Verlag das Beben, Mai 2014, 3,49 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, Mai 2014.

Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen von Pippa Goldschmidt

Dunkle Materie, Codeschreiben oder Neutrinomessungen in der Antarktis: Die britische Autorin und Astrophysikerin Pippa Goldschmidt entdeckt in Mathe, Physik oder Genetik die Kraft poetischer Metaphern. Ihr erster Erzahlband mit 14 Storys spielt im Wissenschaftsbetrieb und bietet eine Bestandsaufnahme der Situation von forschenden Frauen – sei es zur Zeit der Suffragetten, die fur das Frauenwahlrecht kämpften, oder heute, wo eine Univorlesung zur Relativitätstheorie die Affäre zwischen Dozent und Studentin widerspiegelt. Besonders stark sind Goldschmidts biografische Einfühlungen in das StudentInnenleben historischer Figuren wie Alan Turing oder Robert Oppenheimer – der Homosexuelle, der zwangskastriert wird (Turing), oder der kulturelle Außenseiter (Oppenheimer). Goldschmidt arrangiert die Erzählstränge kühl, wie unter gnadenlosem Laborlicht, immer das Kräftemessen der Geschlechter im Blick.

Pippa Goldschmidt: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen. Storys. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Culturbooks, Mai 2014. 5,99 Euro.Goldschmidt_Weltraum_240

Zuerst erschienen im Missy Magazine, Mai 2014.

Digitalverlage und eBookreihen: Interview von Jan Karsten

Für seine Session „eBook only. Digitalverlage und eBook-Reihen“ beim eBook-Camp München 2014, das am 15. Februar 2014 stattfindet, hat mir Jan Karsten von CULTurBooks einige Fragen zu meinem Digitalverlag mikrotext gestellt:

Jan Karsten: eBooks werden bisher von Literaturbetrieb und Lesern vor allem als bloßes Duplikat des Printbuches wahrgenommen. Dies ist langsam dabei, sich zu verändern, etablierte Printverlage und eine wachsende Anzahl von neuen Digitalverlagen experimentieren mit Formaten und Inhalten. Wie bist du „auf das eBook gekommen“, wie entstand die Idee für einen eigenen Digitalverlag und wie würdest du die Ausrichtung deines Verlags beschreiben (literarisch, experimentell, unterhaltend…)?
Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit der Digitalisierung von Texten, literarischen Texten im Netz: als Germanistikstudentin habe ich 2001 eines der ersten deutschsprachigen Literaturonlinemagazine, die schriftstelle, gegründet, dann war ich länger Online-Redakteurin und Blog-Konzepterin. Und als Autorin kenne ich viele andere Autorinnen und Autoren, und weiß, dass vieles Gutes auf traditionellem Wege nicht veröffentlicht wird. 2012, als die Verlagsidee in mir aufkam und ich mir den Ebookmarkt in Großbritannien, Argentinien, Schweden mit einem Stipendium des British Council genauer anschauen konnte, war mir klar: Ich muss meine Textliebe und meine Netzliebe zusammenführen. Weg von Blogs, hin zu Ebooks. mikrotext veröffentlicht zeitgemäße Literaturen, essayistisch-journalistisch und literarisch. Für einige sind etwa Facebook-Statusmeldungen oder Spam Poetry, die bei mikrotext erscheinen, die Avantgarde, ich sehe das nicht so, für mich ist es die Gegenwart.

Cover und ePub-Produktion bei mikrotext: Andrea Nienhaus

Wo siehst du die Stärken des neuen Mediums eBook? Und wie versuchst du, diese zu nutzen? Experimentierst du mit speziellen Formen und Formaten?
Stärken: Prinzipiell globaler Vertrieb möglich, schnelle Produktion (da kein Druck), schnelle Auslieferung (per Mausklick), variable Länge.
mikrotext ist ein Verlag für kurze Lektüren (15-60 MS-Seiten), die in dieser Länge wahrscheinlich nicht gedruckt würden. Ebenso reagiert der Verlag mit seinem Vierteljahresprogramm auf aktuelle Debatten – etwa mit dem Winterprogramm zur NSA-Überwachungsaffäre mit „Mein Brief an die NSA“ des Huffington Post Redakteurs Sebastian Christ und „Ungesichertes Gelände“ der Übersetzerin und Autorin Isabel Fargo Cole. Es gibt keine Jahresverlagsplanung, sondern eher spontane Produktionen, meist ausgelöst von Diskussionen mit Autoren und Autorinnen in social media oder bei Veranstaltungen. Da ich als Verlegerin 90% meiner Tageslektüre online vollbringe, sind für mich Schreibformate, die im Netz entstanden sind, genuiner literarischer Teil des mikrotext-Programms, derzeit etwa 50 Prozent. Mit zwei englischsprachigen Titeln (Zeegen, Saeed) im Programm versuche ich, auch grenzübergreifend Verlag zu sein.

Wie siehst du die Zukunft deines digitalen Publizierens?
Weitermachen! Ausprobieren! Schneller sein als die großen Schiffe! Ein stolzes Mitglied der neuen Ebookszene sein! Und natürlich: erfolgreich sein.

Sind für dich die politischen Fragen rund ums eBook ein Thema? Stichworte unterschiedlicher Steuersatz, unterschiedliche Behandlung bei VG-Wort, keine Übersetzerförderung?
Auf jeden Fall. Bei der Übersetzerförderung ändert sich bestimmt bald etwas. Wir sind in einer Umbruchsphase. Auch der unterschiedliche Steuersatz ist schon in der Politik angekommen und wird verstärkt angegangen, siehe den Vorstoß von Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Wo siehst du die größten Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der rein digitalen Texte und Produkte auf dem Markt und bei den Lesern?
Viel zu viele Reader auf dem Markt, keine gute Interoperabilität, zu viele geschlossene Shopsysteme, daher Ebook-Feindlichkeit bei Lesern. Und oft sorgen auch Ebook-feindliche Buchhändler, Verlage und Presse für schlechte Lobby.

Aus aktuellen Anlass noch eine weitere Frage: Immer mal wieder hört man massive Vorwürfe gegen das eBook: Diese seien „ein Unfug, ein Beschiss und ein Niedergang“, würden also mindestens das Abendland vernichten und sollten möglichst schnell wieder verschwinden. Was entgegnen Ihr solchen Kritikern?
Erstmal ein Ebook lesen. Dann reden wir weiter. Ich habe mit mikrotext-Ebooks schon Ebook-Feinde konvertiert!

Vielen Dank!
Gerne! Und viel Spaß beim eBook-Camp!

Die Seeräuberjenny in meiner Timeline. Vorwort zur „Netzkultur. Freunde des Internets“

Dies ist mein Text fürs digitale Programmheft der Konferenzreihe „Netzkultur. Freunde des Internets“ bei den Berliner Festspielen in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Programmheft ist kostenlos als epub, PDF erhältlich. Die Auftaktveranstaltung zum Thema „Technologie-Evolution“ war am 30. November, die nächsten Termine sind der 18. Januar (Konzepte von Gemeinschaft) und der 22. Februar (Digitale Identitäten). Save the dates!

Netzkultur Schriftzug Licht
Das Haus der Berliner Festspiele leuchtete in Neon und Blau. Ausstattung: Gitti Scherer

„Und schon hängen alle an ihren Handys.“
„Man darf ja auch den Kontakt zur Realität nicht verlieren.“
Seeräuberjenny, @LaVieVagabonde, 25.11.2013

Ich habe diesen Tweet in einer Nacht der ziellosen Recherche gefunden. Ich war lost in googelation, bin wirr zwischen geöffneten Browserfenstern hin- und hergesprungen, habe hier eine Zeile gelesen, dann wieder da, und auf einmal ploppte die Seeräuberjenny in meiner Timeline auf. Ich hakte mich bei ihrem Tweet unter, den sie mitten in der Nacht versendet hatte, wahrscheinlich an einige Freundinnen gerichtet, mit denen sie gerade Wodka trank.
Das ist das, was ich am Internet am meisten mag. Dass es überraschen kann, dass es mir erlaubt, anders und plötzlich wahrzunehmen, dass es Text, Bild und Ton ist, also die Sinne anspricht, dass es neue Perspektiven zeigt. Das Internet ist ein heterotoper Raum, in welchem Kreativität – trotz allem Mainstreamunsinn – möglich ist. Neue Literatur- und Sprachformen entstehen, Youtube- und Soundcloudstars werden geboren, die Verbreitung von digitalen Artefakten ist über die Grenzen hinweg möglich, Gleichgesinnte arbeiten zusammen, ohne dass sie an einem gemeinsamen Ort sind. Aktionen werden koordiniert und ausgeführt. Unliebsame Daten vielfach kopiert und damit nicht zensierbar. Aufklärung, Demokratie, Gemeinschaftlichkeit pur. Der chinesische Künstler Ai Wei Wei hat auf seinem Blog, dessen Posts unter dem Titel „Macht euch keine Illusionen“ als Buch erschienen sind, geschrieben, dass er nie von Kreativität spreche, stattdessen von „Fantasie“, „Ahnung“, „Entdeckungsfreude“, „Subversion“ oder „Kritik“. Aber dann definiert er trotzdem „Kreativität“ und diese Definition passt exakt dazu, was das Netz möglich machen kann, wenn man ihm sein utopisches Potenzial lässt:

Kreativität ist die Kraft, die Vergangenheit abzulehnen, den gegenwärtigen Zustand zu verändern und nach neuen Möglichkeiten zu suchen. … Nur durch unser Handeln können ersehnte Veränderungen Wirklichkeit werden.

Der graue Alltag: Heute verbringt jeder Deutsche durchschnittlich 3,2 Stunden Zeit am Bildschirm, wie eine aktuelle Studie der Techniker-Krankenkasse herausfand (zitiert bei HNA) und er sitzt anscheinend, dazu gibt es andere Studien, noch viel länger, bewegungslos. Der Bildschirm ist Vermittler von Welterfahrung geworden. Er ist Gerät für Innovations- und Arbeitsprozesse, für Überwachung und Zerstreuung, auf ihm bewegen wir uns meist auf vorgegebenen Trampelpfaden. Das sieht alles gar nicht nach Handlung aus, was wir da machen, wir sitzen still, mehrere Stunden, vielleicht tippen wir etwas. Der Bildschirm und damit auch der Rechner sind neutral. Die Hardware hat keine Meinung und begehrt nicht auf. Aber das, was Handlung ermöglicht, die Software, steht zur Debatte. Und das Verhalten derjenigen, die die Software verwenden. Unser Verhalten. Weiterlesen »

Technologie-Evolution – Wo wir herkommen. Am 30. November in Berlin

Netzkultur

Wie stellt sich die Kultur zum digital turn? Das Netz als schöpferischer Ort muss, auch wenn es durch Überwachungsskandale, Zensur und die Debatte um Netzneutralität bedroht erscheint, verteidigt und mitgestaltet werden.

Ich kuratiere ein neues dreiteiligse Veranstaltungsformat für die Berliner Festspiele und die Bundeszentrale für politische Bildung, die Netzkultur. Der erste Konferenztermin dieser „kulturellen republica“ wie ich sie gerne nenne, ist am 30. November ab 13 Uhr und widmet sich den technologischen Evolutionen. Juli Zeh wird ein Plädoyer für die Selbstermächtigung im Netz halten, Frank Schirrmacher eine neue Netzutopie entwickeln. Am Abend diskutieren der Google-Sprecher Ralf Bremer, die Musikproduzentin Helena Hauff, die Medienphilosophin und Professorin Petra Löffler und der Interface-Designer Stephan Thiel mit dem Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar. Nachmittags geben Workshops praktische Einblicke in aktuelle digitale Technologien: selber remixen, selbst verschlüsseln, selbst mit dem Bloggen anfangen, alles zu Twitter fragen, einen 3D-Drucker benutzen.

Und am Abend: zwei Konzerte mit Bands, die einen Standpunkt zur elektronischen Musiktechnologie künstlerisch umsetzen. Anatopia spielt „handmade high tech pop“, auf selbstgebautem Schlagzeug, verkleidet wie futuristische Figuren aus einem Film der 20er-Jahre, Holger Hiller (auch Sänger bei der Krautrock-Band Palais Schaumburg) ist Elektropionier und hat als einer ersten das Sampling in Deutschland verwendet – und bei Mute Records in London lange abgemischt. Zum Abschluss spielt die polnisch-deutsche Musikerin Daniela La Luz ein Live-Set mit Dub, Techno und House. Alles findet auf der Großen Bühne der Berliner Festspiele statt, einem großen, leeren Raum mit nackten schwarzen Wänden, beleuchtet von Neonröhren und einer großen Diskokugel.

Es wird schon getwittert, über den Hashtag #nk1314.

Tickets hier und Anmeldung für die Workshops oder für ein kostenloses Blogger-Ticket unter netzkultur@berlinerfestspiele.de

Nächste Termine sind am 18. Januar zu Konzepten von Gemeinschaft und am 22. Februar zu digitalen Identitäten.