Electric Afternoon – ein Nachmittag der Macherinnen und Macher des digitalen Publizierens

Die Electric Book Fair, die 2014 sehr erfolgreich zur ersten E-Book-Messe Deutschlands eingeladen hat, macht weiter!
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Sie ist eine strategische Bewegung für aktuelle Entwicklungen im digitalen Publizieren. Unter ihrem Label finden im Juni zwei Veranstaltungen statt: Beim „Electric Afternoon“ kommen die Macherinnen und Macher der agilen, neugierigen, digitalen Publishing-Szene zusammen, ein Nachmittag für den intensiven und persönlichen Austausch der Macher und Macherinnen des digitalen Publizierens im Bar Camp-Format. Im Colonia Nova, „Spaces for the Creative Arts“ in Berlin-Neukölln, Thiemannstr. 1.

Einige Workshops stehen schon fest, etwa mit der bekannten Bloggerin und ARD-„Bookwoman“ Karla Paul zu digitaler Literaturvermittlung oder mit Sigrid Fahrer von der Stiftung Lesen zur Zukunft des Lesens. Die meisten Workshops werden vor Ort von den Teilnehmern selbst entschieden und gestaltet.

Die Tickets gibt es im Vorverkauf über Eventbrite – sie kosten 30 Euro, ermäßigt 20 Euro. Darin inklusive ist ein leckerer Brunch zu Beginn und Getränke und ein Kuchen am Nachmittag.

Die Electric Book Fair wird vertreten von Andrea Nienhaus (Kommunikations- und E-Book-Designerin) und von mir.

Twitter: @ebf_berlin
Facebook: Electric Book Fair

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Das unendliche Manuskript

Ihr alle kennt sicherlich diese Manuskript-Stapel, die üblicherweise das Leben von Verlegern und Lektoren versinnbildlichen. Papier stapelt sich, schwerfällig, vorwurfsvoll, es will gelesen – oder zumindest recyclet werden.

2 Manuskriptstapel

Die Texte, mit denen ich als Digitalverlegerin zu tun habe, kommen meistens zu mir über die verschiedenen Textströme, die meinen Bildschirm durchlaufen, meinen Facebook-, meinen Twitterstream etwa. Ich folge Autorinnen und auf ihren Kanälen, das heißt, ich lese ständig mit, wenn sie schreiben, denken, kommunizieren, ich selbst bin auch mit ihnen im Gespräch, ohne Verabredung, einfach so, es geschieht, sobald wir gleichzeitig online sind oder sobald wir gleichzeitig über etwas nachdenken.

Das, was dort, in Strömen, geschrieben wird (auf Englisch: Stream) ist für mich der Manuskriptstapel, den ich abarbeite.

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Dieses unendliche Manuskript ist nicht fassbar, es ist liquide, seine Informationen sind, wortwörtlich, im Fluss, ich kann nicht bei seinem Anfang anfangen, ich kann nur mittendrin lesen – und dann wieder an einer völlig anderen Textstelle weitermachen. Dieses unendliche Manuskript kennt weder Lesezeichen noch Seitenangaben, weder Kapitelüberschriften noch Deckblatt.

Wer einmal versucht hat, etwa auf Facebook eine bestimmte Statusmeldung wiederzufinden, bemerkt, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Es gibt keine Suchfunktion für Begriffe – der Strom will nicht, dass ich ihn zurückdrehe.

Als Digitalverlag biete ich dagegen so ein Ding der Unmöglichkeit an. Einen Service. So wie das  bedruckte Papier eines Buches auch einen Service darstellt, denn Maschinen werden dafür angeworfen, Papier produziert, Schwärze angerührt, Seiten bedruckt, geschnitten, gebunden, verpackt, ausgeliefert. Im, nenne ich es mal, „Digitallektorat“ versehe ich im Internet entstandene Texte  mit einem Anfang und einem Ende. So werden sie zu Haltepunkten in der Stream-Kultur. Sie halten etwas fest. Ganz im Sinne von Alexander Kluge, der in seinem Essay „Die Entsprechung einer Oase“ davon spricht, dass unsere Köpfe, um der Reiz- und Informationsüberflutung standzuhalten, unabhängige Oasen der Kulturproduktion im Netz brauchen. E-Books können solche Oasen sein. Sie ermöglichen eine endliche Lesart des Unendlichen: Konzentration, Archiv, Austausch. Man kann zwar nicht zweimal in den selben Fluss steigen, aber zwei Menschen können das gleiche E-Book lesen.

Ein Beispiel für diesen Prozess: Die Radiojournalistin Julia Tieke traf den syrischen Aktivisten Faiz in Gaziantep, einer kleinen türkischen Stadt an der syrischen Grenze, als sie für ein Feature über oppositionelle syrische Radiosender recherchierte. Sie wurden Facebook-Freunde.

In einem Interview mit der Literaturbloggerin und Buchhändlerin Sophie Weigand sagte sie: „Als ich am Manuskript saß, fragte ich mich, was Faiz jetzt macht und wo er ist. Ich hatte von einem gemeinsamen Freund gehört, er sei in Griechenland, auf dem Weg nach Deutschland. Da nahm ich Kontakt auf, und mit meinem ersten Satz beginnt dann auch das E-Book.“

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Das ist ein Screenshot des PDFs. Als Julia Tieke mit Faiz chattete war keinem von beiden klar, dass aus diesem Chat einmal ein E-Book werden würde. Sie sendeten Informationen, Fragen, Antworten hin und her, es entstanden fragmentarische Texte, die Faiz‘ Fluchtweg von Mazedonien, nach Serbien, nach Rumänien, lückenhaft, aber direkt, ungeschönt abbilden.Weiterlesen »

Technologie-Evolution – Wo wir herkommen. Am 30. November in Berlin

Netzkultur

Wie stellt sich die Kultur zum digital turn? Das Netz als schöpferischer Ort muss, auch wenn es durch Überwachungsskandale, Zensur und die Debatte um Netzneutralität bedroht erscheint, verteidigt und mitgestaltet werden.

Ich kuratiere ein neues dreiteiligse Veranstaltungsformat für die Berliner Festspiele und die Bundeszentrale für politische Bildung, die Netzkultur. Der erste Konferenztermin dieser „kulturellen republica“ wie ich sie gerne nenne, ist am 30. November ab 13 Uhr und widmet sich den technologischen Evolutionen. Juli Zeh wird ein Plädoyer für die Selbstermächtigung im Netz halten, Frank Schirrmacher eine neue Netzutopie entwickeln. Am Abend diskutieren der Google-Sprecher Ralf Bremer, die Musikproduzentin Helena Hauff, die Medienphilosophin und Professorin Petra Löffler und der Interface-Designer Stephan Thiel mit dem Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar. Nachmittags geben Workshops praktische Einblicke in aktuelle digitale Technologien: selber remixen, selbst verschlüsseln, selbst mit dem Bloggen anfangen, alles zu Twitter fragen, einen 3D-Drucker benutzen.

Und am Abend: zwei Konzerte mit Bands, die einen Standpunkt zur elektronischen Musiktechnologie künstlerisch umsetzen. Anatopia spielt „handmade high tech pop“, auf selbstgebautem Schlagzeug, verkleidet wie futuristische Figuren aus einem Film der 20er-Jahre, Holger Hiller (auch Sänger bei der Krautrock-Band Palais Schaumburg) ist Elektropionier und hat als einer ersten das Sampling in Deutschland verwendet – und bei Mute Records in London lange abgemischt. Zum Abschluss spielt die polnisch-deutsche Musikerin Daniela La Luz ein Live-Set mit Dub, Techno und House. Alles findet auf der Großen Bühne der Berliner Festspiele statt, einem großen, leeren Raum mit nackten schwarzen Wänden, beleuchtet von Neonröhren und einer großen Diskokugel.

Es wird schon getwittert, über den Hashtag #nk1314.

Tickets hier und Anmeldung für die Workshops oder für ein kostenloses Blogger-Ticket unter netzkultur@berlinerfestspiele.de

Nächste Termine sind am 18. Januar zu Konzepten von Gemeinschaft und am 22. Februar zu digitalen Identitäten.

Five Dials in Berlin

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Jan Brandt.
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Claire Wigfall.
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Katy Derbyshire.

Es war dann irgendwie doch ganz berlinisch bei der Präsentation der britischen PDF-Literaturzeitschrift Five Dials mit deutschsprachiger Literatur (herausgegeben vom Penguin-Imprint Hamish Hamilton, hier runterladen) gestern in The Wye in Berlin-Kreuzberg, obwohl es mit einem sarkastischen, zeitgemäßen Berlin-Bashing von Jan Brandt anfing. Er hatte das Herz auf seinem „I love-Berlin“-T-Shirt mit schwarzem Tape ausge-x-t und wagte eine Tour de Haine aus Literaturzitaten von Rosa Luxemburg bis Heinrich Hauser („Berlin lives on what New York throws away as trash“), beginnend mit aktuellen Hassdingen wie dem Schönefelder Flughafen, Hertha BSC oder Klaus Wowereit. Das alles vorgetragen, stehend auf einer Holz-Europalette, bestrahlt von zwei an einen Schreibtisch geklemmten Ikea-Leselampen, die das Publikum blendeten, vor einem Mischpult – eine wahrlich Berliner Szenerie, Improvisation trifft auf Pragmatismus. Nicht schön, aber funktional. Die versammelte englischsprachige Berliner literary crowd, dressed up, und ein paar Quotendeutsche waren dem Ruf der Star-Organisatorin Sharmaine Lovegrove (Dialogue Books) gefolgt und lachten über sich und über andere, Jan verzog keine Miene, erst später beim Bier. Überhaupt, das Bier. Und der Wein. Und das socializing. Die standen so offen im Mittelpunkt, als der Herausgeber Craig Taylor oder war es die Heftredakteurin Anna Kelly in ihrer sympathisch-chaotischen Rede ankündigte, dass es fünf Lesungen à fünf Minuten gäbe und dazwischen eine halbe Stunde Pause, wie es sich keine deutsche Literaturzeitschrift zutrauen würde. Aber ok, warum gehen wir denn alle zu Lesungen? Wegen der Literatur doch nicht, oder?

Dabei war das Leseprogramm exquisit und zumindest ich hätte gerne mehr gehört, vielleicht nur etwas schade für Judith Schalansky, dass sie als einzige auf Deutsch vorlas, aus ihrem „abgerockten Exemplar der ersten Ausgabe“ von „Der Hals der Giraffe“, ein Buch, das sicherlich die anwesenden Deutschsprachigen eh schon kannten und das in „ein paar Jahren“ auch auf Englisch erscheint, sagte Anna Kelly. In ein paar Jahren?? Die englische, in Berlin lebende Autorin Claire Wigfall, die meist über Orte schreibt, an denen sie noch nie war, hatte den Anfang einer neuen Geschichte mitgebracht, „die vielleicht in Moskau spielen könnte“. Schade, dass sie wohl nie über Berlin schreiben wird! Eine Überraschung für mich war Joe Dunthorne, der surreal-komische, lässig-gemeine Prosagedichte vortrug, drei nur, aber das reichte aus, um mehr lesen zu wollen. Und weil es ja um Bier und Wein und socialising ging, passte nichts besser zum Abschluss als ein Ausschnitt aus Tilman Rammstedts „Erledigungen vor der Feier“, vorgetragen von der Übersetzerin Katy Derbyshire, so rythmisch wie es Tilmans Text perfekt zu Gesichte stand. I like to Party, I like, I like to Party.

Ich weiß nicht genau, mit wem ich gestern alles sprach, denn manche Namen hab ich gar nicht richtig verstanden, weil es so laut war. @Sophie: Wenn du das hier liest, schick mir gerne dein Exemplar von Indigo :).

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Noch was zum Hassen: Berliner Winternachtstraße, dunkel, kalt und matschig. Aber so schön, wie die Fahrradspuren sich kreuzen, oder? Ich mag Berlin, genau deshalb.

Deutsche Digitale Bibliothek: ein Suchfeld fürs Wissen

Schlange stehen bei der Ausleihe nach vorheriger monatelanger Vorbestellung, Schaulaufen zwischen den Bestandsregalen, Schleppen von Büchern, Suche nach einem freien Arbeitsplatz, Staublunge vom Kopieren – das könnte bald vorbei sein, denn viele Bibliotheken brechen auf ins digitale (also körperlose) Zeitalter. Die einen bieten eine so genannte Onleihe ihrer digitalen Medien an (hier etwa ein Verbund aus Brandenburg), andere aggregieren vorhandene Webarchive und digitalisieren rechtefreies Material, wie etwa die Library of Congress auf ihrer American Memory-Datenbank. Neu entstehende Bibliotheken wie die auf dem Tempelhofer Feld in Berlin werden viele digitale Leseplätze bereithalten, andere neugedachte (Southbank Centre/ Royal Festival Hall in London) sind Veranstaltungsort, Bibliothek und Lese-/Rückzugsraum in einem. Ich bin seit einigen Monaten sehr begeistert von der Europeana, der europäischen digitalen Bibliothek, die, als sie startete, auch Unkenrufe ertragen musste, jetzt aber bereits ganz netz-affin Kulturschnipsel in ihren Pinterest-Kanal entsendet. Denn wenn so ein Großprojekt startet, ist es meist noch etwas mickrig. Aber in der Europeana habe ich mir neulich eine Ausstellung zu Hochzeitstraditionen in Ungarn und Rumänien angeschaut, samt Tonbeispielen für Brautwerbung, Brautab- und zusage, Vorbereitungsgesänge, die mich in ihrer Archaik und mit ihren genauen Etappenritualen sehr gefesselt haben.

Nun gibts seit ein paar Tagen die öffentlich finanzierte Deutsche Digitale Bibliothek (mit fettem Suchfeld auf der Startseite) und ich freue mich schon aufs Stöbern. Im Tagesspiegel zeigte sich Gregor Dotzauer darüber traurig, dass bei der Präsentation der Bestände nicht von Büchern die Rede war, was ja der Terminus Bibliothek durchaus vermuten lassen würde. Sie machen auch wirklich nur einen kleinen Bestandteil von derzeit etwa 4000 Textobjekten aus (bei 5,6 Millionen Objekten gesamt). So wie die Europeana ist die DDB eher ein Online-Museum. Aber wo kann man schon so einfach von einer Ausstellung zur nächsten kommen wie hier mit einem Klick?

Und könnte es nicht so kommen: Da in ein paar Jahren Bücher nur noch digital oder sowohl in gedruckter als auch in elektronischer Form erscheinen werden, nimmt eine noch zu gründende Sparte der DDB diese Textdateien auf (so wie seit 2002 die Deutschen Nationalbibliotheken in Frankfurt und Leipzig bereits die Netzpublikationen der Verlage aufnehmen) und über eine Jahresspende oder über einen „Pro-Buch-Betrag“ kann der Nutzer sie auf dem Bildschirm lesen. Die richtige digitale Bibliothek kommt erst noch!

Buchreport nennt die DDB trotz der fehlenden Buchanteile aber schon großspurig „Die deutsche Antwort auf Google Books“ und schätzt den nonkommerziellen Ansatz des Projekts. Die Zukunft sieht, laut Buchreport, so aus:

Die Bibliothek soll sukzessive erweitert werden:

  • Besucher der Bibliothek sollen im Laufe des kommenden Jahres virtuell durch Ausstellungen wandern können.

  • Auch Apps für Smartphones und Tablets sind geplant.

  • Die Inhalte sollen semantisch miteinander verknüpft werden, so dass Verbindungen und Querbezüge deutlich werden sollen, die über einzelne Angebote – zum Beispiel reine Bibliotheksportalen – nicht zu leisten seien.

  • Langfristig soll die DDB alle deutschen Kultur- und Wissenseinrichtungen samt ihrer digitalen Angebote miteinander vernetzen und in die europäische digitale Bibliothek „Europeana“ integrieren.

Was jetzt noch wie ein kleiner „David“ anmutet, so Gregor Dotzauer, wird, wenn man die Analogie zu Ende denkt, den Google-Goliath mit neuen Waffen schlagen. Diese könnten sein: Vielfalt, Vernetzung (mit entstehenden anderen Online-Beständen), Barrierefreiheit, klarer Akzent auf gemeinfreie Werken, also keine Rechtsstreitigkeiten, die das Anwachsen des Bestandes be- oder verhindern.

Ich gehe jetzt mal in die Bib. Die ist nämlich rund um die Uhr geöffnet.

Was ist linke Literatur?

Mein Großvater pflegte zu sagen: Links ist, wo der Daumen rechts ist. Und von Harry Rowohlt ist folgender Dialog überliefert: „Wissen Sie, was links ist?“ „Nein.“ „Sind Sie links?“ „Ja.“ ( (zitiert von Jakob Augstein in einem Interview mit Rowohlt)

Bei den ersten Writing-Left-Tagen im Berliner Brechthaus Mitte November sollte solchen Schwammigkeiten endlich auf den Grund gegangen werden. An drei Abenden ging es um linkes Schreiben, linkes Verlegen und linke Kategorien. Also Selbstverständigung über Selbstverständnisse. Persönliche Annäherungen. Berichte aus dem Maschinenraum der Verlage (Verbrecher, Merve, Rotbuch). Für die Fragestellung „Links, rechts, geradeaus. Lust und Last politischer Kategorien“ hatten Rery und ich unseren per Skype geschriebenen Text Gruppen-Trolling in der fünften Internationale mitgebracht, der die ultraneue Kategorie „hyperlinks“ vorschlägt, der eine vernetzte, einer Sache gewidmete, spammende, transnationale, translinguale Autorentätigkeit beschreibt. Wir waren damit die einzigen, die auf das Internet als politischen Schreibort eingingen.

Wenn man die Ansätze der anderen eingeladenen Autorinnen und Autoren kombiniert, erhält man folgenden zeitgenössischen linken Autor (damit ist auch Autorin gemeint): Er zieht seine Sehnsucht nach Freiheit aus der bedrückenden Kohl-BRD der 1980er Jahre, seine Zielgruppe ist der „Hauskreis, eine Familie, die schweigt“, und er will Sprachkritiker sein, der den heutigen Worthülsen der Massenmedien gegenüber sensibel bleibt (Jan Böttcher). Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass die Vereinnahmung der Literaten von der Politik, so wie sie für Böll (Grüne) oder Grass (SPD) noch möglich war, nicht mehr angemessen ist. „Schriftsteller für Hartz-IV: Ist das die Revolte“, fragte Tanja Dückers, stattdessen erkenne sie den politischen Intellektuellen daran, dass er „politisch unabhängig“ sei. Daraus entstehe „engagierte Literatur“ mit einem „humanistischen Ansatz“. Sartre lässt grüßen. Für sie wären das heute eher Raul Zelik und Clemens Meyer als Martin Mosebach und Durs Grünbein. Der Grazer Stefan Schmitzer brachte den „fortschrittlichen Autor“ ins Spiel, Fortschritt, könnte man fragen, in welcher Hinsicht: ästhetisch, inhaltlich, gesellschaftlich? Schmitzer selbst ist ein imposanter, markant betonender Deklamator seiner Gedichte und politisch aktiv als Vorstandsmitglied der IG Kultur Steiermark, einer Interessensgemeinschaft (AKA Gewerkschaft) von kulturellen Veranstaltungsorten. Klingt fortschrittlich. Wie fortschrittlich ist dann die Herausgabe einer Anthologie zeitgenössischer politischer Lyrik (Tom Schulz: alles außer Tiernahrung)?

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Es ist einerseits ein guter Weg, Freunde sichtbar zu machen, sich mit Schreibkollegen zu solidarisieren, andererseits eine Möglichkeit, den Begriff des „Politischen“ literarisch zu definieren. Oder ist das Definieren nix, dagegen das Fragestellen alles, so wie Jochen Schmidts Fragekatalog, der die Paradoxien des Politischen aufzeigte: Bin ich links, wenn ich dagegen bin, dass die Schule meiner Tochter Wlan erhält? Dabei bin ich doch für den weltweiten Zugang zu Wlan?

Dann war schon die Zeit rum, in großer Gruppe diskutiert wurde nicht mehr, und wir zogen uns in unsere Kleingruppen zurück, so wie Brecht mit seinen Vertrauten auf dem Gemälde, dass im Büro des Brechthauses im ersten Stock hängt.

Wenn Hunde bellen

Gestern feierte der Open Mike seinen 20. Geburtstag im Heimathafen Neukölln. „Geschlossene Gesellschaft“ war auf einen DinA-4-Zettel, der an der Eingangstür zum großen Theatersaal hing, mit Filzstift geschrieben. Es ist schade, dass der Wettbewerb, der seit Jahren immer mehr Publikum anzieht und daher in den vergangenen Jahren mehrmals seinen Schauplatz vergrößern musste (Villa am Majakowskiring, Wabe, Zwischenstopp in der Schokofabrik, Heimathafen), nicht auch mit diesem Publikum feiern wollte, das zum ersten Lesungstag wieder in Scharen gekommen war. Also blieb der Saal erstmal halbleer, bis die – sicherlich zum Großteil in Neukölln wohnenden – befreundeten Jungautoren per SMS informiert worden waren, dass die Party zwar spröde, die Getränke aber kostenlos waren. Da wurde es voller, Poetengruppen standen vor der Tür und rauchten, ich lachte mit dem Lyrikpreisträger 2011 über das Wort BioZisch, lernte von Shane Anderson, dass Blogs in den USA tot seien, außer solche mit genialen Namen wie Brightstupidconfetti (Zitat von Sylvia Plath), in den USA gehe es jetzt ums Live-Twittern. Aber das muss uns in Deutschland ja nicht kümmern.

Ich habe gestern nur die letzten drei Lesungen gehört, sitzend vor der Open-Mike-der-Blogger-Ecke (Victor Kümel, Stefan Mesch, Elena Philipp, Fabian Thomas), deren Tastaturklacken den passenden Schreib-Soundtrack unter alle Texte legte. Ich war wegen Verena Güntner gekommen, die ich kenne, ohne ihre Texte bisher gekannt zu haben – und ich muss hier sagen: Ihr Romanausschnitt „Es bringen“ bringts. Ein 16-Jähriger Ich-Erzähler in einer Hochhaussiedlung, dessen Motto „Ich bin der Trainer. Ich bin die Mannschaft“ lautet, der Fickwetten gewinnt, aber dem es warm im Bauch wird, wenn er mit seiner Mutter, die die gleiche Zahnlücke hat wie er, im Flur pfeift: „Wir müssen beim Supertalent mitmachen, echt jetzt“. Sätze, die echt klingen, Figuren voller beschissenem Leben. Und endlich keine betuliche Selbstbeschauprosa. Keine bellenden Hunde. Und echtes Pathos. Dieses Manuskript will ich ganz lesen. Ansonsten wurde mir beim Empfang der Name von Yevgenij Breyger zugeflüstert. Heute Abend wissen wir mehr. Bis dahin muss die Jury zuhören – und schweigen, was für Marcel Beyer, diesjähriger Juror, das schwierigste ist (hier das Interview auf dem Open-Mike-Blog).

Wie es sich für Geburtstage gehört, lief eine mit Dudelmusik untermalte Fotoslideshow (hier online), zusammengestellt von gezett, dem Hausfotografen der Literaturwerkstatt, im Großformat über die Bühnenleinwand. Alle staunten und schwiegen ob der jungen Gesichter von annodazumals: Uwe Kolbe, Thomas Wohlfahrt, Tilman Rammstedt, Björn Kuhligk, Kirsten Fuchs. Schon süß. Die Urgesteine aus dem ersten Open-Mike-Jahrgang 1993, Lektor Thorsten Arendt (Wallstein) und die Gewinnerautorin Katrin Röggla durften dann noch ein wenig reminiszieren und fragten sich, inwiefern Bergbaumetaphern auf den Wettbewerb zuträfen oder ob es auch einen W.G.Sebald (beim Bachmannwettbewerb 1990 übersehen) des Open Mike gäbe.

Was sich meiner Meinung nach geändert hat, ist die over all Dankbarkeit, überhaupt teilgenommen zu haben. Denn „Finalistin beim Open Mike“ ist seit einigen Jahren ein verbreiteter Biographiezusatz. Das war zu meiner Zeit (2000) nicht so, aber da gabs ja auch noch keine Anthologie, keine Gewinner-Lesereisen, keine Workshops. Dankbarkeit ist ja auch erstmal was Schönes und ein so anerkannter Wettbewerb für junge Literatur auch. Glückwunsch an dieser Stelle! Aber es gibt ja noch viel mehr Wege, um mit seinen Texten zu landen, ohne sich gleich dem Literturbetrieb in seiner Totalität und seinem sadomasochistischen Zuhörergeist aussetzen zu müssen, etwa Lesebühnen, Werkstätten wie Parlandopark oder lauter niemand in Berlin. Oder ein privater Schreibkreis. (Macht das überhaupt noch jemand?) Da wird auch mehr über die Texte gesprochen, einfach weil mehr Zeit ist.