Rainer Moritz über den Eurovision Song Contest

Rainer Moritz LiederJetzt müssen sie wieder ein Jahr warten. Alle ESC-Afficionados. Und derweil läuft einmal wieder die Punkte-Analyse-Maschine. Warum, warum haben „wir“ dieses Jahr nur 0 Punkte bekommen? Warum mag „uns“ (Deutsche) keiner? Etc. Wer gerne die populäre Kultur und allgemeine politische Tendenzen zusammenliest, kann sich mit dem neuen E-Book von Rainer Moritz, der auch Leiter des Literaturhauses Hamburg ist, in nostalgischen Gedanken zum europäischen Schlagerwesen verlieren. In vier Essays erinnert er sich an seinen ganz persönlichen Wettbewerb, wie er ihn als Kind in den 70ern zwischen Eltern mitfiebernd erlebte oder wie Lena Meyer-Landrut 2011 als neuer Stern, äh, Satellit aufging: „Erst mit Lena und ihrem in einem bis dahin unbekannten englischen Dialekt vorgetragenen Satellite wurde schlagartig alles anders. Deutschland war wieder wer, und ausgerechnet der lange als Mottenkiste der schlechten Musik verschriene Eurovision Song Contest schaffte es, nationalen Taumel auszulösen.“

Die Essays sind flott geschrieben – und hier und da vermutlich als Teile schon in journalistischen Beiträgen vorher erschienen – und künden vom wahren Fantum, aber auch von diesem ungemütlichen Wir-Gefühl der Deutschen, die wieder wer sein wollen. Ein wenig kritische Masse hätte dem E-Book nicht geschadet, auch zur Marketing-Maschinerie, den hysterischen Vorrunden und dem Product Placement, für das mittlerweile der ESC steht. Auch eine kleine musikalische Analyse: vom Chanson zum Mainstream-Schlager, so in der Art, hätte das E-Book abgerundet. Versöhnlich schenkt uns der Autor zum Schluss eine Fleißarbeit, eine Liste seiner liebsten Auftritte und/oder Gesänge. Na gut, Listen gehen ja immer. Wenn diese dann noch verlinkt wäre, so dass die Leserin schnell ins digitale Archiv herüberwechseln könnte, dann wäre es zu schön. So ist es aber auch ok als individuelle Auseinandersetzung mit der Durchschnittlichkeit, die man früher Trash nannte und heute Mainstream heißt. Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel (hier, ein bisschen Werbung, gibt es von ihr ein E-Book) hat es, meines Erachtens, für die VICE mal wieder urpassend zusammengefasst: „Früher war alles auf eine schlechtere Art besser.“

Rainer Moritz: Lieder, die wie Brücken sind. Hanserbox, Mai 2015. 2,99 Euro.

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