Die Seeräuberjenny in meiner Timeline. Vorwort zur „Netzkultur. Freunde des Internets“

Dies ist mein Text fürs digitale Programmheft der Konferenzreihe „Netzkultur. Freunde des Internets“ bei den Berliner Festspielen in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Programmheft ist kostenlos als epub, PDF erhältlich. Die Auftaktveranstaltung zum Thema „Technologie-Evolution“ war am 30. November, die nächsten Termine sind der 18. Januar (Konzepte von Gemeinschaft) und der 22. Februar (Digitale Identitäten). Save the dates!

Netzkultur Schriftzug Licht
Das Haus der Berliner Festspiele leuchtete in Neon und Blau. Ausstattung: Gitti Scherer

„Und schon hängen alle an ihren Handys.“
„Man darf ja auch den Kontakt zur Realität nicht verlieren.“
Seeräuberjenny, @LaVieVagabonde, 25.11.2013

Ich habe diesen Tweet in einer Nacht der ziellosen Recherche gefunden. Ich war lost in googelation, bin wirr zwischen geöffneten Browserfenstern hin- und hergesprungen, habe hier eine Zeile gelesen, dann wieder da, und auf einmal ploppte die Seeräuberjenny in meiner Timeline auf. Ich hakte mich bei ihrem Tweet unter, den sie mitten in der Nacht versendet hatte, wahrscheinlich an einige Freundinnen gerichtet, mit denen sie gerade Wodka trank.
Das ist das, was ich am Internet am meisten mag. Dass es überraschen kann, dass es mir erlaubt, anders und plötzlich wahrzunehmen, dass es Text, Bild und Ton ist, also die Sinne anspricht, dass es neue Perspektiven zeigt. Das Internet ist ein heterotoper Raum, in welchem Kreativität – trotz allem Mainstreamunsinn – möglich ist. Neue Literatur- und Sprachformen entstehen, Youtube- und Soundcloudstars werden geboren, die Verbreitung von digitalen Artefakten ist über die Grenzen hinweg möglich, Gleichgesinnte arbeiten zusammen, ohne dass sie an einem gemeinsamen Ort sind. Aktionen werden koordiniert und ausgeführt. Unliebsame Daten vielfach kopiert und damit nicht zensierbar. Aufklärung, Demokratie, Gemeinschaftlichkeit pur. Der chinesische Künstler Ai Wei Wei hat auf seinem Blog, dessen Posts unter dem Titel „Macht euch keine Illusionen“ als Buch erschienen sind, geschrieben, dass er nie von Kreativität spreche, stattdessen von „Fantasie“, „Ahnung“, „Entdeckungsfreude“, „Subversion“ oder „Kritik“. Aber dann definiert er trotzdem „Kreativität“ und diese Definition passt exakt dazu, was das Netz möglich machen kann, wenn man ihm sein utopisches Potenzial lässt:

Kreativität ist die Kraft, die Vergangenheit abzulehnen, den gegenwärtigen Zustand zu verändern und nach neuen Möglichkeiten zu suchen. … Nur durch unser Handeln können ersehnte Veränderungen Wirklichkeit werden.

Der graue Alltag: Heute verbringt jeder Deutsche durchschnittlich 3,2 Stunden Zeit am Bildschirm, wie eine aktuelle Studie der Techniker-Krankenkasse herausfand (zitiert bei HNA) und er sitzt anscheinend, dazu gibt es andere Studien, noch viel länger, bewegungslos. Der Bildschirm ist Vermittler von Welterfahrung geworden. Er ist Gerät für Innovations- und Arbeitsprozesse, für Überwachung und Zerstreuung, auf ihm bewegen wir uns meist auf vorgegebenen Trampelpfaden. Das sieht alles gar nicht nach Handlung aus, was wir da machen, wir sitzen still, mehrere Stunden, vielleicht tippen wir etwas. Der Bildschirm und damit auch der Rechner sind neutral. Die Hardware hat keine Meinung und begehrt nicht auf. Aber das, was Handlung ermöglicht, die Software, steht zur Debatte. Und das Verhalten derjenigen, die die Software verwenden. Unser Verhalten. Die Veranstaltungsreihe „Netzkultur. Freunde des Internets“ will dazu anregen, alltägliche digitale Handlungen zu hinterfragen, Neues zu lernen, sei es in praktischen Workshop oder in theoretischen Vorträgen. Gleichzeitig dient sie der Sichtbarmachung einer Debatte, die bisher in Deutschland weniger geführt wurde, nämlich der Frage, wie sich eigentlich die Kulturschaffenden zum digital turn stellen.
Nun ist das Internet zwar noch nicht so alt, einige Dekaden. Wenn es ein Mensch wäre, wäre es in seinen besten Jahren, aber eben auch nicht mehr so jung. Es hätte seine Unschuld verloren, seine Tiefschläge erlitten. Und derzeit wäre es in seiner Midlife-Crisis. Außerdem wäre es arg betrogen worden, und müsste jetzt erst wieder Vertrauen in sich aufbauen. Darüber hätte es vergessen, dass es etwas erreicht hat: 30 Millionen haben in Deutschland einen Netzanschluss, weltweit sind mehr als 2 Milliarden Menschen online, davon etwa die Hälfte in Asien.

Die junge Journalistin Wallis Azadian hat sich gerade für das Vice-Magazin für eine Woche in das Jahr 1996 zurückversetzen wollen, in der es die ihr bekannten Geräte und die mit ihnen verknüpften technologischen Möglichkeiten nicht gab. Für sie ein Luxusspielchen (für viele auf der anderen Seite des digitalen Grabens, die, die einfach vom Netz abgeschnitten sind, eine bittere Realität). Sie stellte ihr Handy aus, sie stellte das Netz ab. Ihr Experiment endete in Hilflosigkeit und Langeweile. Sie wusste nicht mehr, wie sie sich ohne Mobiltelefon und Internet verabreden sollte, einfachste Informationen wie die Adresse des nächsten mexikanischen Restaurants waren ihr nicht zugänglich. Die Kommentare unter dem Artikel, die ihr Dummheit vorwarfen, taten ihr dennoch Unrecht. Natürlich hatte sie es verlernt, einfach bei jemandem zu klingeln. Ebenso hatte sie noch nie die telefonische Auskunft angerufen. Ihre Realität war eine andere, die neue Kompetenzen erlernen und alte in Vergessenheit geraten lässt. Das selbstauferlegte „Technologievakuum“ hatte ihr nichts offenbart, sie wollte zurück in die „Modernität“.
Darüber könnte man traurig sein. Was kann diese junge Frau alles nicht mehr! Unsere Zivilisation, am Abgrund! Das Jammern darüber, dass Geräte und ihre Verwendungsmöglichkeiten uns zum Schlechteren verändern, dass sie kulturelle Werte und Traditionen zerstören, sind Zwillinge des technologischen Fortschritts – aber auch des menschlichen Wesen. Der Mensch weiß, dass früher eben alles besser war. Dabei sollten wir einfach akzeptieren, dass wir fehlerhaft sind. Schon Sigmund Freud schrieb in seiner kulturtheoretischen Studie „Das Unbehagen in der Kultur“ davon, dass der Mensch von sich aus eigentlich gar nichts könne. Um aber aber seine Schwächen zu überwinden und das Ideal, das er von sich habe, zu erreichen, entwickele er Werkzeuge: „Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott.“ Das war 1930 genauso wahr wie 2013.

Und so sitzen wir vor den hell erleuchteten Fenstern, hören das Summen der Lüftung, sehen die Anzeige der Batteriefülle und den Ausschlag des Netzempfangs wie Lebenszeichen eines guten Bekannten. Die neuen Technologien sind bei uns, sie prägen uns. Wir sollten sie genauso prägen. Damit sie auch unsere Werte kennenlernen. Gerade legte die Unesco erste digitale „Universal-Regeln“ vor. Sie fordern, dass die Menschenrechte die Basis aller Netzregeln, jeder Anwendung und jedes Dienstes bilden.

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