Streets of Alexandria

Es fing an mit einem Buch, mit der Alexandria-Anthologie (2001, DVA) von Joachim Sartorius. Der Lyriker und langjährige Intendant der Berliner Festspiele versammelt darin literarische Annäherungen, etwa von Flaubert, Ungaretti, Gerhard Falkner und Durs Grünbein, an die ägyptische Hafen-Metropole am Mittelmeer, an die supermythische Stadt des Buches, die einst die Bibliothek von Alexandria, eines der sieben Weltwunder, beherbergte.

Historische Karte von Alexandria, gesehen auf www.alexandria-streets-project.net
Historische Karte auf http://www.alexandria-streets-project.net

Die Berliner Radiojournalistin Julia Tieke und die Dramaturgin Berit Schuck ließen sich von der Textsammlung  zu „Stunden und Stunden an Spaziergängen“ (Berit Schuck) inspirieren. Und sie fingen an, in Kooperation mit dem unabhängigen, 2011 gegründeten, alexandrinischen Internetradio Tram, die Geräusche und Stimmen der Stadt aufzuzeichnen. Zu sammeln. Und zu schneiden, zu transkribieren, zu den jeweiligen Orten auf einer Landkarte zuzuordnen. Entstanden ist eine Ton-Landschaft, eine sonic cityscape, mit zwanzig Audiostücken, die nicht die Außensicht von literarischen Touristen, sondern die Innensicht der Bevölkerung hörbar, ja erlebbar machen. „There is nothing to see“, so das Motto der beiden Macherinnen. Tourismus für die Ohren, vom Schreibtisch aus – oder als Unterstützung eines Alexandriabesuches. Ich frage mich nur, ob dann nicht der ganz alltägliche Dezibelwahnsinn der Stadt die exquisiten Hörstücke überlagert? Denn der Lärmpegel ist hoch, einige Highways haben zwölf Spuren, Hupen und Motoren sind der Basso continuo. „Wir sind um 4.30 Uhr zum Fischmarkt gegangen, um die Marktschreier überhaupt gut hören zu können“, erzählt Julia Tieke, die bereits Töne aus Kairo auf einem Blog versammelt hat, bei der Projektpräsentation im Aufbau Theater Kreuzberg am 18. November. Auf jeden Fall helfen die Stücke beim Zurechtfinden in einer Stadt, in der das westliche Verständnis geordneter Urbanität schnell an seine Grenzen kommt. Gute Stadtpläne: gibts nicht. Statt eine genaue Adresse anzugeben, muss sich der Stadtbesucher an „landmarks“ kennen, an denen sich das Projekt ebenfalls orientiert.

Alexandria Streets Project vereint die klassischen Elemente einer Radioreportage – unkommentierte O-Töne, Atmo -, moderiertes Erzählen und eine dezente Übersetzung ins Englisch. Es ist auch eine Anthologie geworden, aber eine zum Zuhören, erzählt von ganz normalen Menschen, zum Beispiel einem Minibusfahrer, einer Studentin, einem Musiker, Händlern. Und es ist ein Experiment, das Radiokunst, Journalismus und Reisebericht zu einer sehr menschlichen, transmedia-Annäherung an Alexandria verbindet.

Wer sich mehr für die Stille interessiert, der kann sich auch das „Quietude Package“ von der Webseite herunterladen, das drei der ruhigeren Stücke enthält.

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