Deutsche Digitale Bibliothek: ein Suchfeld fürs Wissen

Schlange stehen bei der Ausleihe nach vorheriger monatelanger Vorbestellung, Schaulaufen zwischen den Bestandsregalen, Schleppen von Büchern, Suche nach einem freien Arbeitsplatz, Staublunge vom Kopieren – das könnte bald vorbei sein, denn viele Bibliotheken brechen auf ins digitale (also körperlose) Zeitalter. Die einen bieten eine so genannte Onleihe ihrer digitalen Medien an (hier etwa ein Verbund aus Brandenburg), andere aggregieren vorhandene Webarchive und digitalisieren rechtefreies Material, wie etwa die Library of Congress auf ihrer American Memory-Datenbank. Neu entstehende Bibliotheken wie die auf dem Tempelhofer Feld in Berlin werden viele digitale Leseplätze bereithalten, andere neugedachte (Southbank Centre/ Royal Festival Hall in London) sind Veranstaltungsort, Bibliothek und Lese-/Rückzugsraum in einem. Ich bin seit einigen Monaten sehr begeistert von der Europeana, der europäischen digitalen Bibliothek, die, als sie startete, auch Unkenrufe ertragen musste, jetzt aber bereits ganz netz-affin Kulturschnipsel in ihren Pinterest-Kanal entsendet. Denn wenn so ein Großprojekt startet, ist es meist noch etwas mickrig. Aber in der Europeana habe ich mir neulich eine Ausstellung zu Hochzeitstraditionen in Ungarn und Rumänien angeschaut, samt Tonbeispielen für Brautwerbung, Brautab- und zusage, Vorbereitungsgesänge, die mich in ihrer Archaik und mit ihren genauen Etappenritualen sehr gefesselt haben.

Nun gibts seit ein paar Tagen die öffentlich finanzierte Deutsche Digitale Bibliothek (mit fettem Suchfeld auf der Startseite) und ich freue mich schon aufs Stöbern. Im Tagesspiegel zeigte sich Gregor Dotzauer darüber traurig, dass bei der Präsentation der Bestände nicht von Büchern die Rede war, was ja der Terminus Bibliothek durchaus vermuten lassen würde. Sie machen auch wirklich nur einen kleinen Bestandteil von derzeit etwa 4000 Textobjekten aus (bei 5,6 Millionen Objekten gesamt). So wie die Europeana ist die DDB eher ein Online-Museum. Aber wo kann man schon so einfach von einer Ausstellung zur nächsten kommen wie hier mit einem Klick?

Und könnte es nicht so kommen: Da in ein paar Jahren Bücher nur noch digital oder sowohl in gedruckter als auch in elektronischer Form erscheinen werden, nimmt eine noch zu gründende Sparte der DDB diese Textdateien auf (so wie seit 2002 die Deutschen Nationalbibliotheken in Frankfurt und Leipzig bereits die Netzpublikationen der Verlage aufnehmen) und über eine Jahresspende oder über einen „Pro-Buch-Betrag“ kann der Nutzer sie auf dem Bildschirm lesen. Die richtige digitale Bibliothek kommt erst noch!

Buchreport nennt die DDB trotz der fehlenden Buchanteile aber schon großspurig „Die deutsche Antwort auf Google Books“ und schätzt den nonkommerziellen Ansatz des Projekts. Die Zukunft sieht, laut Buchreport, so aus:

Die Bibliothek soll sukzessive erweitert werden:

  • Besucher der Bibliothek sollen im Laufe des kommenden Jahres virtuell durch Ausstellungen wandern können.

  • Auch Apps für Smartphones und Tablets sind geplant.

  • Die Inhalte sollen semantisch miteinander verknüpft werden, so dass Verbindungen und Querbezüge deutlich werden sollen, die über einzelne Angebote – zum Beispiel reine Bibliotheksportalen – nicht zu leisten seien.

  • Langfristig soll die DDB alle deutschen Kultur- und Wissenseinrichtungen samt ihrer digitalen Angebote miteinander vernetzen und in die europäische digitale Bibliothek „Europeana“ integrieren.

Was jetzt noch wie ein kleiner „David“ anmutet, so Gregor Dotzauer, wird, wenn man die Analogie zu Ende denkt, den Google-Goliath mit neuen Waffen schlagen. Diese könnten sein: Vielfalt, Vernetzung (mit entstehenden anderen Online-Beständen), Barrierefreiheit, klarer Akzent auf gemeinfreie Werken, also keine Rechtsstreitigkeiten, die das Anwachsen des Bestandes be- oder verhindern.

Ich gehe jetzt mal in die Bib. Die ist nämlich rund um die Uhr geöffnet.

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