Was ist linke Literatur?

Mein Großvater pflegte zu sagen: Links ist, wo der Daumen rechts ist. Und von Harry Rowohlt ist folgender Dialog überliefert: „Wissen Sie, was links ist?“ „Nein.“ „Sind Sie links?“ „Ja.“ ( (zitiert von Jakob Augstein in einem Interview mit Rowohlt)

Bei den ersten Writing-Left-Tagen im Berliner Brechthaus Mitte November sollte solchen Schwammigkeiten endlich auf den Grund gegangen werden. An drei Abenden ging es um linkes Schreiben, linkes Verlegen und linke Kategorien. Also Selbstverständigung über Selbstverständnisse. Persönliche Annäherungen. Berichte aus dem Maschinenraum der Verlage (Verbrecher, Merve, Rotbuch). Für die Fragestellung „Links, rechts, geradeaus. Lust und Last politischer Kategorien“ hatten Rery und ich unseren per Skype geschriebenen Text Gruppen-Trolling in der fünften Internationale mitgebracht, der die ultraneue Kategorie „hyperlinks“ vorschlägt, der eine vernetzte, einer Sache gewidmete, spammende, transnationale, translinguale Autorentätigkeit beschreibt. Wir waren damit die einzigen, die auf das Internet als politischen Schreibort eingingen.

Wenn man die Ansätze der anderen eingeladenen Autorinnen und Autoren kombiniert, erhält man folgenden zeitgenössischen linken Autor (damit ist auch Autorin gemeint): Er zieht seine Sehnsucht nach Freiheit aus der bedrückenden Kohl-BRD der 1980er Jahre, seine Zielgruppe ist der „Hauskreis, eine Familie, die schweigt“, und er will Sprachkritiker sein, der den heutigen Worthülsen der Massenmedien gegenüber sensibel bleibt (Jan Böttcher). Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass die Vereinnahmung der Literaten von der Politik, so wie sie für Böll (Grüne) oder Grass (SPD) noch möglich war, nicht mehr angemessen ist. „Schriftsteller für Hartz-IV: Ist das die Revolte“, fragte Tanja Dückers, stattdessen erkenne sie den politischen Intellektuellen daran, dass er „politisch unabhängig“ sei. Daraus entstehe „engagierte Literatur“ mit einem „humanistischen Ansatz“. Sartre lässt grüßen. Für sie wären das heute eher Raul Zelik und Clemens Meyer als Martin Mosebach und Durs Grünbein. Der Grazer Stefan Schmitzer brachte den „fortschrittlichen Autor“ ins Spiel, Fortschritt, könnte man fragen, in welcher Hinsicht: ästhetisch, inhaltlich, gesellschaftlich? Schmitzer selbst ist ein imposanter, markant betonender Deklamator seiner Gedichte und politisch aktiv als Vorstandsmitglied der IG Kultur Steiermark, einer Interessensgemeinschaft (AKA Gewerkschaft) von kulturellen Veranstaltungsorten. Klingt fortschrittlich. Wie fortschrittlich ist dann die Herausgabe einer Anthologie zeitgenössischer politischer Lyrik (Tom Schulz: alles außer Tiernahrung)?

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Es ist einerseits ein guter Weg, Freunde sichtbar zu machen, sich mit Schreibkollegen zu solidarisieren, andererseits eine Möglichkeit, den Begriff des „Politischen“ literarisch zu definieren. Oder ist das Definieren nix, dagegen das Fragestellen alles, so wie Jochen Schmidts Fragekatalog, der die Paradoxien des Politischen aufzeigte: Bin ich links, wenn ich dagegen bin, dass die Schule meiner Tochter Wlan erhält? Dabei bin ich doch für den weltweiten Zugang zu Wlan?

Dann war schon die Zeit rum, in großer Gruppe diskutiert wurde nicht mehr, und wir zogen uns in unsere Kleingruppen zurück, so wie Brecht mit seinen Vertrauten auf dem Gemälde, dass im Büro des Brechthauses im ersten Stock hängt.

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