Wenn Hunde bellen

Gestern feierte der Open Mike seinen 20. Geburtstag im Heimathafen Neukölln. „Geschlossene Gesellschaft“ war auf einen DinA-4-Zettel, der an der Eingangstür zum großen Theatersaal hing, mit Filzstift geschrieben. Es ist schade, dass der Wettbewerb, der seit Jahren immer mehr Publikum anzieht und daher in den vergangenen Jahren mehrmals seinen Schauplatz vergrößern musste (Villa am Majakowskiring, Wabe, Zwischenstopp in der Schokofabrik, Heimathafen), nicht auch mit diesem Publikum feiern wollte, das zum ersten Lesungstag wieder in Scharen gekommen war. Also blieb der Saal erstmal halbleer, bis die – sicherlich zum Großteil in Neukölln wohnenden – befreundeten Jungautoren per SMS informiert worden waren, dass die Party zwar spröde, die Getränke aber kostenlos waren. Da wurde es voller, Poetengruppen standen vor der Tür und rauchten, ich lachte mit dem Lyrikpreisträger 2011 über das Wort BioZisch, lernte von Shane Anderson, dass Blogs in den USA tot seien, außer solche mit genialen Namen wie Brightstupidconfetti (Zitat von Sylvia Plath), in den USA gehe es jetzt ums Live-Twittern. Aber das muss uns in Deutschland ja nicht kümmern.

Ich habe gestern nur die letzten drei Lesungen gehört, sitzend vor der Open-Mike-der-Blogger-Ecke (Victor Kümel, Stefan Mesch, Elena Philipp, Fabian Thomas), deren Tastaturklacken den passenden Schreib-Soundtrack unter alle Texte legte. Ich war wegen Verena Güntner gekommen, die ich kenne, ohne ihre Texte bisher gekannt zu haben – und ich muss hier sagen: Ihr Romanausschnitt „Es bringen“ bringts. Ein 16-Jähriger Ich-Erzähler in einer Hochhaussiedlung, dessen Motto „Ich bin der Trainer. Ich bin die Mannschaft“ lautet, der Fickwetten gewinnt, aber dem es warm im Bauch wird, wenn er mit seiner Mutter, die die gleiche Zahnlücke hat wie er, im Flur pfeift: „Wir müssen beim Supertalent mitmachen, echt jetzt“. Sätze, die echt klingen, Figuren voller beschissenem Leben. Und endlich keine betuliche Selbstbeschauprosa. Keine bellenden Hunde. Und echtes Pathos. Dieses Manuskript will ich ganz lesen. Ansonsten wurde mir beim Empfang der Name von Yevgenij Breyger zugeflüstert. Heute Abend wissen wir mehr. Bis dahin muss die Jury zuhören – und schweigen, was für Marcel Beyer, diesjähriger Juror, das schwierigste ist (hier das Interview auf dem Open-Mike-Blog).

Wie es sich für Geburtstage gehört, lief eine mit Dudelmusik untermalte Fotoslideshow (hier online), zusammengestellt von gezett, dem Hausfotografen der Literaturwerkstatt, im Großformat über die Bühnenleinwand. Alle staunten und schwiegen ob der jungen Gesichter von annodazumals: Uwe Kolbe, Thomas Wohlfahrt, Tilman Rammstedt, Björn Kuhligk, Kirsten Fuchs. Schon süß. Die Urgesteine aus dem ersten Open-Mike-Jahrgang 1993, Lektor Thorsten Arendt (Wallstein) und die Gewinnerautorin Katrin Röggla durften dann noch ein wenig reminiszieren und fragten sich, inwiefern Bergbaumetaphern auf den Wettbewerb zuträfen oder ob es auch einen W.G.Sebald (beim Bachmannwettbewerb 1990 übersehen) des Open Mike gäbe.

Was sich meiner Meinung nach geändert hat, ist die over all Dankbarkeit, überhaupt teilgenommen zu haben. Denn „Finalistin beim Open Mike“ ist seit einigen Jahren ein verbreiteter Biographiezusatz. Das war zu meiner Zeit (2000) nicht so, aber da gabs ja auch noch keine Anthologie, keine Gewinner-Lesereisen, keine Workshops. Dankbarkeit ist ja auch erstmal was Schönes und ein so anerkannter Wettbewerb für junge Literatur auch. Glückwunsch an dieser Stelle! Aber es gibt ja noch viel mehr Wege, um mit seinen Texten zu landen, ohne sich gleich dem Literturbetrieb in seiner Totalität und seinem sadomasochistischen Zuhörergeist aussetzen zu müssen, etwa Lesebühnen, Werkstätten wie Parlandopark oder lauter niemand in Berlin. Oder ein privater Schreibkreis. (Macht das überhaupt noch jemand?) Da wird auch mehr über die Texte gesprochen, einfach weil mehr Zeit ist.

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