Ein Brief von Bismarck auf der Liber Berlin

Schon wieder eine Buchmesse! Diesmal eine für alte Bücher, Handschriften (z.B. Briefe von Bismarck oder Clemens Brentanto) und Landkarten. Ich habe auch heute zum ersten Mal die Handschrift von Friedrich I. (energisch, schwungvolles S) und Friedrich III. (fette Tinte, schulmeisterlich) gesehen. Anders als auf den Buchmessen für neue Bücher gilt hier: Eintritt frei, aber Verkauf erlaubt. Die Liber Berlin, eine Antiquariatsmesse, findet gerade zum zehnten Mal statt, diesmal im Kulturforum Berlin am Matthäikirchplatz. Ich musste erstmal googlen, wo denn der Matthäikirchplatz liegt, da ich vermutete, irgendwo in Charlottenburg. Aber nein, das ist der charmante Platz neben der Nationalgalerie, den sich die Backsteinkirche, die der Platz seinen Namen gab und in der 1931 Dietrich Bonhoeffer zum Pfarrer ordiniert wurde, und ein Parkplatz teilen, und der einst ein zentraler Platz im so genannten Geheimratsviertel Mitte des 19. Jahrhunderts war. Damit ist das Konzept der Messe, das sich auf der Webseite nachlesen lässt, bei mir schonmal super aufgegangen:

Stets war und ist es das Konzept der LiberBerlin, die Antiquariatsmesse mit dem öffentlichen Leben und der Geschichte zu verbinden. Gründet doch in den Turbulenzen der Gegenwart das Sammeln antiquarischer Bücher, Graphiken und Handschriften letztlich in dem Wunsch einer ganz persönlichen Rezeption geschichtlicher Prozesse.

Die Jahre vorher trafen sich die Antiquariate mit deutschsprachigem Schwerpunkt etwa im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums oder im Zeichensaal der provisorischen Schinkelakademie am Werderschen Markt, Orte des Stein gewordenen oder Stein werdenden Berliner Geschichtsbewusstsein (die Akademie muss ja noch für einige Milliönchen wieder aufgebaut werden).

Chur Fürstl. Resi. St. Berlin. v. Cöln. Kupferstich (von 2 Platten) von Casp. Merian, Frankfurt, Merian, 1652ff. Bildausschnitt 23,5 x 71, Blattgr. 33,5 x 75,5 cm. (c) Antiquariat Clemens Paulusch

Die Geschichte ist also das Grundthema der Liber Berlin. Gleich am Eingang bietet ein Antiquariat Stiche von Feldherren (Napoleon) feil. Wer Johann von Österreich ist, muss ich nachher mal googlen. Alle Arschlöcher, sagt mein Begleiter. Aber es gibt auch Lokalpatriotisches, hübsche Stadtansichten, etwa eine ein Meter lange Karte aus den 1650er Jahren, auf der ich mich, weil ich mir die tolle Berlin-775-Jubliäumsausstellung „Mittelalterliche Orte“ im Netz angeschaut habe, recht gut zurecht finde. Links Berlin, rechts Cölln, ich kombiniere: Panorama von Norden. Wenn ich die 1450 Euro in Bar mitgehabt hätte, ich wäre jetzt Besitzerin der ältesten gedruckten Gesamtansicht Berlins und Cöllns, gekooft von Antiquariat Clemens Paulusch. Naja, nächstes Mal bin ich besser vorbereitet.

Liegt es an dem historischen Überbau, dass diese Messe vor allem ältere Menschen – mit Geld – anzieht? Sie tragen gute Lederschuhe, Tweedjackets und Understatement. Dabei ist da auch einiges für jüngere Menschen dabei: historische Kinderbücher (um die 200 Euro vom Duisburger Antiquariat Keune), ein Chanelkatalog mit der jungen Claudia Schiffer auf dem Cover oder die Partitur von Paul Hindemiths Singspiel „Wir bauen eine Stadt“ (1930), in dem Kinder eine Stadt ohne Erwachsene bauen (habe dazu einen interessanten Blogeintrag gefunden, der Kontext herstellt). Wer will aber das notizbuchdicke Programmheft des Nürnberger Reichsparteitags 1938 mit der Marschierabfolge der SA kaufen?

Diese Messe ist ein Museum-zum-Durchblättern. Sie bittet um Hochachtung für sehr viel durch die Zeit gerettetes und kostbares Papier.

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