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Mein Weg zum ePub-Lesen

Mein Weg zum ePub-Lesen, wie das schon klingt. Nach Pups auf einem Pilgerweg? Nach stückchenweiser Erkenntnis auf einem Weg voller Gabelungen und Ablenkungen? Nach langsamer Genesung von, von, ja, von was eigentlich?

Nein, nichts von alledem trifft zu. Es war ein klarer, ein gerader Weg. Und auch, ja, doch, ein sehr zufälliger.

Klar und gerade, weil es nur darum ging, das richtige E-Book zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu öffnen und lesen zu können. Dazu unten mehr.

Zufällig, weil ein E-Book ohne Gerät nicht lesbar ist, und es der Zufall wollte, dass ich im Jahr 2009 ein E-Lese-Gerät geschenkt bekam, ein Smartphone.

Natürlich verteilte die Herstellerfirma die Geräte nicht ganz uneigennützig, sondern zum Zwecke der nachhaltigen Kundenbindung. Erfolgreich. Seitdem bin ich nicht mehr vom Smartphone weggekommen.

Und natürlich hatte ich auch etwas dafür tun müssen, zu dieser mittelfrühen User Group zu gehören: Vier Monate hatte ich über die europäischen Parlamentswahlen bloggen müssen, nicht gerade ein fetziges Thema also, über die Kampagnen, die Themen, die Personalien, die Abläufe, zusammen mit etwa 50 anderen europäischen Journalisten und Bloggern. Ich schrieb über eine neue poetische EU-Verfassung, über Sprüche auf Klotüren an europäischen Flughäfen und machte eine 10-Minuten-Speed-Recherche auf den Webseiten der Europakampagnen der deutschen Parteien. Fast alle von uns gingen mit irgendeinem neuen Gerät nach Hause – und bloggten weiter, über andere Themen.

Ich entdeckte das Universum des mobilen Internets. Auf einmal hatte ich einen kleinen Computer in der Hand, der mich ins Netz einloggen konnte, wenn irgendwo W-Lan vorhanden war, der fotografieren und Sounddateien speichern konnte, der aber auch eine Jukebox mit meiner Musik war – und der mich an einen App-Store vermittelte. Ich hätte mir nie einen solchen Minicomputer gekauft, denn mein aktuelles Telefon funktionierte noch & ich brauchte es nur zum SMS-Schreiben und Telefonieren. Und dazu nutzte ich auch zunächst mein neues Smartphone.

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Bis ein Freund mir zeigte, wie viele kostenlose Apps es doch gäbe: Damals, in den Urzeiten der Apps, waren etwa die Biertrink-App und die Gitarren-App total beliebt, bei der sich das Telefon in ein Bierglas oder in einen Gitarrenhals verwandelte. Diese lud ich mir dann auch herunter, zeigte sie auf einer Party, besonders denen, die noch nie ein Smartphone gesehen hatten, und alle lachten kurz.

Die einzige App, die mich sofort überzeugte, hieß Stanza. Es gibt sie nicht mehr. Damals: ein Archiv digitaler Bücher, vieler kostenloser Klassiker für das Smartphone, aufbereitet aus dem Project Gutenberg, womit ich mir eine vor allem englisch- und französischsprachige mobile Bibliothek anlegte. Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich jederzeit, wenn ich unterwegs war, Shakespeares Dramen oder die Fabeln von Lafontaine hätte lesen können. Das konnte ich bisher nicht, da ich sonst keine gesammelten Klassikerbände mitzuführen gewohnt war.

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Nur, ich machte von dieser neuen Möglichkeit kaum Gebrauch. Nur einmal las ich Shakespeares „The Tempest“. Die Zeit für solche langen Werke reichte unterwegs einfach nicht, Drama ging gerade noch. Und der Akku reichte auch nicht.

Das einzige kürzere, deutschsprachige Werk bei Stanza nach meinem Geschmack, das ich gefunden hatte, war die Novelle „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann (hier der Downloadlink auf Project Gutenberg). Eines Tages, als ich auf einer Zugfahrt von Frankfurt nach Berlin wieder meine Bibliothek mit dem Scrollfinger durchwanderte, zog ich sie schließlich aus dem Regal, fing an zu lesen. Und las. Und las.

Ich war so absorbiert von der Erzählung, dass ich ganz regelmäßig über das Display wischte, Seite um Seite umblätterte, wie in einem „echten“ Buch. Es war Lesen wie immer, nur auf einer kleineren Seite, mit weniger Gewicht in der Hand und Leselampen-frei. Besonders gefiel mir, dass ich die Schriftgröße einstellen konnte, dass ich das Handy quer halten konnte, so dass die Zeilen so lang waren wie bei einem Reclamheftchen, aber in einer größeren Typo. Es war lesefreundlich.

Zwischendurch, in den Lese- und Nachdenkpausen, betrachtete ich die vorbeirauschende Landschaft. Das Display erlosch. Mit einem Druck auf den Startknopf war es wieder hell und ich genau an der Stelle im Text, die ich verlassen hatte. Kein Herumfummeln mit Lesezeichen, -ecken, -bändchen. Seitdem bezeichne ich mich als E-Book-Leserin.

Leider fiel mir irgendwann das Geräte herunter, das Glas-Display zersplitterte. Es war zwar noch zu benutzen, aber ich musste die wackeligen Stücke unter einer durchsichtigen Folie arretieren. Lesen machte damit nun gar keinen Spaß mehr. Nachdem schließlich auch der Menüknopf seinen Geist aufgab, musste ein neues Gerät her.

Und leider gingen meine gesammelte Stanzawerke dadurch verloren, dass sie sich nicht synchronisieren ließen – zumindest nicht von mir. Aber ich konnte mir ein Telefon ohne digitale Bibliothek nicht mehr vorstellen. Mühsam suchte ich mir über die dem Gerät angeschlossene Büchersammlung, in dem Fall iBooks, erneut ein paar Klassiker der Weltliteratur zusammen, aber viel war da nicht drin, was in die Richtung einer Thomas-Mann-Novelle ging. Das meiste waren lange, englischsprachige Texte. Endlich mal wieder den viktorianischen Ästhetik-Klassiker Walter Pater’s „The Renaissance. Studies in Art and Poetry“ lesen. Warum auch nicht? Inspiriert sein, ein Zitat markieren. Und dann nach zehn Minuten wieder weglegen.

(Ich hätte mir auch die gemeinfreien Klassiker von Project Gutenberg http://www.gutenberg.org, wo immerhin etwa 36.000 kostenlose Titel zur Verfügung stehen, herunterladen können, aber das war mir, ohne App, zu mühsam. Ich war schon im Appkanal gefangen.)

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Was blieb mir anderes übrig, als ein paar Eurocents auszugeben. Ich kaufte „I live by the river“ von Johnny Häusler, selbstverlegt, und den „Weltmüller“ von Frank Fischer von Sukultur. Beides las ich in einem Rutsch durch, denn beide Bücher funktionieren perfekt als elektronische Lektüre. Sie sind in Etappen aufgebaut – 15 Geschichten oder 3 Novellen mit kurzen Unterkapiteln. Sie sind witzig erzählt und behandeln zeitgenössische Phänomene, von der Anschaffung eines Hundes bei Häusler zu ironischer Persiflage auf den Kulturbetrieb bei Müller. Der Sukulturverlag verlangte 6,99 für 124 Seiten; Johnny Häusler für ein etwa 25 Prozent längeres Werk nur 0,99 Euro. Häuslers geringerer Preis erklärte sich dadurch, dass er sein Buch aus ehemaligen Blog-Texten zusammengebaut hatte und dass er es als Testballon in die Selfpublishing-Sphären entsendete. Der Sukulturverlag hatte ein wenig mehr in das Design des Printbuches (Cover und zumindest ein kleiner Schriftwitz im Impressum: “Superspitzeprimatoll”) investiert, so dass diese Kosten sicherlich auch auf die elektronische Version umgelegt worden waren.

Kurz, ich versprach meinem Leseselbst: „Wenn es solche Bücher gibt, werde ich in Zukunft mehr ePub-Lesen.“ Und das tue ich nun. Und ich verlege sie sogar selbst mit meinem Verlag mikrotext, diese kurzweiligen, lesbaren, preislich attraktiven, zeitgemäßen E-Books, die mittlerweile sogar auch den Weg ins Print gehen. Fragt mal nach dem gedruckten Internet via mikrotext in der Buchhandlung eures Vertrauens🙂.

Es ist alles eins: nämlich Lesen!

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Erzähle auch du doch auch von deinem ersten E-Book, in der Blogparade #1stebook, zu der derzeit das erste E-Book-Festival Deutschlands aufgerufen hat. Bis zum 15. Juni werden erste E-Lese-Erlebnisse gesucht!

Dieser Post ist auch enthalten in dem kostenlosen ePub „Die Ästhetik des E-Book“, herausgegeben von der Electric Book Fair 2014. Download hier.

Warum den E-Books die Zukunft gehört

Ich möchte jetzt keine Papierleser vergraulen, das schonmal vorweg. Ich bin zwar missionarisch, aber nicht radikal. Sie sitzen da jetzt vor dem Bildschirm, aber vielleicht auch gerne mit der raschelnden Zeitung dann und wann und regelmäßig. Der Duft von Druckerschwärze steigt ihnen in die Nase, klebt an den Fingern, eventuell sogar auf dem Tisch, weil dort Kaffee verschüttet wurde, der irgendwelche zufällige Schrift auf die darunterliegende harte Oberfläche gepaust hat. Ich habe ja gar nichts dagegen! Ich finde das romantisch, gemütlich, wertvoll und traditionell.
Aber es gibt da eine Tatsache: Ich lese selbst seit vielen Jahren immer mehr auf dem Bildschirm. Erst war es der Computer mit seinen Chats, E-Mailprogrammen, Webseiten, dann kam das Smartphone mit seinen Apps, Digitalausgaben, Social-Media-Plattformen. Absolut fasziniert war ich von der digitalen Handy-Bibliothek, die meist noch so aussah, als sei sie einem Bücherregal aus Holz nachempfunden. Nun trage ich die Weltliteratur, seit 1971 kostenlos bereitgestellt von Gutenberg Project, mit mir herum. Das ist meine neue Tradition.

Da rufen einige: „Bald kommt die Screen Fatigue. Alle wollen dann wieder zum Papier, weg von diesen grellen Geräten.“

In einer Krankenkassenzeitschrift sah ich einmal eine Zeichnung eines Smartphone-Halses. Das ist noch keine Krankheit, aber, so ähnlich, wie der SMS- oder WhatsApp-Daumen, ein zivilisatorisches Symptom. Ein Laptop wärmt deinen Schoß durch die Jeans wie bei einem völlig hautfreien Cybersex. Ein Mini-Computer liegt neben dir, wenn du einschläfst. Er leuchtet dir ins Gesicht, wenn du aufwachst, er sagt dir die Uhrzeit, er spricht mit Siri-Stimme, er zeigt dir den Weg (Mist, du wolltest doch die Ortungsdienste endlich wieder ausstellen). Dein Hals beugt sich nach vorne: Dein Körper liest.
Denn die Displays bringen uns das Lesen zurück, dahin, wo gerade kein Buch zur Hand ist. Das Smartphone zu Hause zu vergessen, fühlt sich mittlerweile für mich so ähnlich an, wie den Schlüssel zu Hause zu vergessen. Mit diesem Smartphone in der Hand kann ich Facebook checken, aber auch ein E-Book lesen. Sogar im Dunklen, wenn das Baby oder der Partner schon schlafen, oder in einer langweiligen Vorlesung (kein Papierrascheln beim Umblättern) oder im Transit oder beim Pendeln. Kein Extra-Gepäck nötig. Das Handy rettet das Lesen!

Daher sage ich euch: „Nein. Es gibt kein Zurück mehr in eine puristisch analoge Lesezeit.“

Bereits jetzt lesen Jugendliche (die Zukunft) sowohl digital als auch analog. Sie lesen und schreiben sogar mehr als früher wegen der digitalen Mediennutzung, die nämlich eine textbasierte ist. Gerade hat eine Studie des britischen National Literary Trust herausgefunden, dass E-Books in der Schule die Lesekompetenz, insbesonders von Jungen, fördern. Das Scrollen und Zoomen beim E-Book-Lesen empfanden viele Schüler als anregend im Vergleich zum Lesen von gedruckten Büchern.
Aber das ist ja alles nur das Handling. Sozusagen ob der Text jetzt im Pappkarton liegt oder in einer Plastikkiste.
Interessanter finde ich, welche kleinen Revolutionen das E-Book ermöglicht: Die Länge der veröffentlichten Texte ist irrelevant, da kann sehr Kurzes, Aktuelles erscheinen, aber auch Tausend Gesammelte Werke. In einer Datei. Die wiegt nichts, benötigt keinen Platz im Regal, nur ein wenig Speicherplatz. Sie muss nicht gedruckt, vertrieben, gelagert werden – sie ist also eine schnellere Publikationsform für den Zeitgeist, aber ermöglicht es auch, vergriffene Titel wieder zum Leben zu erwecken.
Wichtig auch: Das E-Book ist ein offener Programmierungsstandard, der von einer Institution in Seattle überwacht und weiterentwickelt wird – da heißt, jedes E-Book der Welt ist vom Prinzip her gleich. Niemand wird ausgegrenzt. Jetzt musste ich ein wenig technisch werden, Entschuldigung, bleiben Sie trotzdem dran. Denn ich sage jetzt nichts über XHTML und das Lesen von E-Books im Browser oder die lokalen Grenzen der E-Book-Shops, die noch überwunden werden müssen.

Daher nur noch ein Gedanke: Denn auch wenn Sie noch kein E-Book gelesen haben, wird vielen Ländern mit weniger Buchreichtum als bei uns nur durch das E-Book der Zugang zu Büchern ermöglicht: Die NGO World Reader etwa bringt solarbetriebene digitale Lesegeräte inklusive der E-Books in bisher 245 Schulen und Bibliotheken in 12 afrikanischen Länder wie Kenia, Ghana, Uganda, Sierre Leone. Und das ist nur eines von vielen Projekten, das zeigt, dass durch das E-Book das Lesen und die Texte (und die Tradition!) bewahrt und gefördert wird. Das digitale Buch kommt als Datei in alle Ecken der Welt: per Knopfdruck, Internet, ob W-Lan oder mobil. Es ist unabhängig, frei und dauerhaft. Schauen Sie mal rein in Ihr Gerät.
Es gibt keine Zukunft für gedruckte Bücher. Nur eine gemeinsame: für gedruckte und digitale.

Zuerst erschienen in der Zukunft-Ausgabe von der Freitag, https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/buecher-fuer-den-smartphone-hals, leicht angepasst.

Das Handy rettet das Lesen

The Rise of the Phone Reading„, mein Lieblingsartikel der jüngsten Zeit, bestätigt, was ich schon die ganze Zeit sage und denke. Das Handy kann das Lesen retten. Es bringt das Lesen dahin, wo wir gerade nicht mehr lesen, weil wir das Telefon in einer Hand haben. Im Zug, beim Warten im Arztzimmer, auf Reisen (Job oder Urlaub), nachts im Bett, beim Stillen …

Der Artikel beginnt mit einem Vater, der beim nächtlichen Babyschunkeln anfing, E-Books zu lesen, denn die könnte er mit einer Hand halten und im Dunkeln entziffern. Beleuchtetes Display, Nachtmodus! Und so begann er, zunächst kritisch, immer mal wieder „snippets“, kurze Textstückchen auf seinem Handy zu lesen, die ihm das Lesen wieder näher brachten, dass er über die konstante Bildschirmnutzung verloren hatte.

Und so lautet dann auch das Fazit von Judith Curr, Verleger bei Atria Books, einem Imprint von Simon & Schuster: „The future of digital reading is on the phone“ (…) It’s going to be on the phone and it’s going to be on paper.”

Electric Afternoon – ein Nachmittag der Macherinnen und Macher des digitalen Publizierens

Die Electric Book Fair, die 2014 sehr erfolgreich zur ersten E-Book-Messe Deutschlands eingeladen hat, macht weiter!
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Sie ist eine strategische Bewegung für aktuelle Entwicklungen im digitalen Publizieren. Unter ihrem Label finden im Juni zwei Veranstaltungen statt: Beim „Electric Afternoon“ kommen die Macherinnen und Macher der agilen, neugierigen, digitalen Publishing-Szene zusammen, ein Nachmittag für den intensiven und persönlichen Austausch der Macher und Macherinnen des digitalen Publizierens im Bar Camp-Format. Im Colonia Nova, „Spaces for the Creative Arts“ in Berlin-Neukölln, Thiemannstr. 1.

Einige Workshops stehen schon fest, etwa mit der bekannten Bloggerin und ARD-„Bookwoman“ Karla Paul zu digitaler Literaturvermittlung oder mit Sigrid Fahrer von der Stiftung Lesen zur Zukunft des Lesens. Die meisten Workshops werden vor Ort von den Teilnehmern selbst entschieden und gestaltet.

Die Tickets gibt es im Vorverkauf über Eventbrite – sie kosten 30 Euro, ermäßigt 20 Euro. Darin inklusive ist ein leckerer Brunch zu Beginn und Getränke und ein Kuchen am Nachmittag.

Die Electric Book Fair wird vertreten von Andrea Nienhaus (Kommunikations- und E-Book-Designerin) und von mir.

Twitter: @ebf_berlin
Facebook: Electric Book Fair

Das unendliche Manuskript

Ihr alle kennt sicherlich diese Manuskript-Stapel, die üblicherweise das Leben von Verlegern und Lektoren versinnbildlichen. Papier stapelt sich, schwerfällig, vorwurfsvoll, es will gelesen – oder zumindest recyclet werden.

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Die Texte, mit denen ich als Digitalverlegerin zu tun habe, kommen meistens zu mir über die verschiedenen Textströme, die meinen Bildschirm durchlaufen, meinen Facebook-, meinen Twitterstream etwa. Ich folge Autorinnen und auf ihren Kanälen, das heißt, ich lese ständig mit, wenn sie schreiben, denken, kommunizieren, ich selbst bin auch mit ihnen im Gespräch, ohne Verabredung, einfach so, es geschieht, sobald wir gleichzeitig online sind oder sobald wir gleichzeitig über etwas nachdenken.

Das, was dort, in Strömen, geschrieben wird (auf Englisch: Stream) ist für mich der Manuskriptstapel, den ich abarbeite.

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Dieses unendliche Manuskript ist nicht fassbar, es ist liquide, seine Informationen sind, wortwörtlich, im Fluss, ich kann nicht bei seinem Anfang anfangen, ich kann nur mittendrin lesen – und dann wieder an einer völlig anderen Textstelle weitermachen. Dieses unendliche Manuskript kennt weder Lesezeichen noch Seitenangaben, weder Kapitelüberschriften noch Deckblatt.

Wer einmal versucht hat, etwa auf Facebook eine bestimmte Statusmeldung wiederzufinden, bemerkt, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Es gibt keine Suchfunktion für Begriffe – der Strom will nicht, dass ich ihn zurückdrehe.

Als Digitalverlag biete ich dagegen so ein Ding der Unmöglichkeit an. Einen Service. So wie das  bedruckte Papier eines Buches auch einen Service darstellt, denn Maschinen werden dafür angeworfen, Papier produziert, Schwärze angerührt, Seiten bedruckt, geschnitten, gebunden, verpackt, ausgeliefert. Im, nenne ich es mal, „Digitallektorat“ versehe ich im Internet entstandene Texte  mit einem Anfang und einem Ende. So werden sie zu Haltepunkten in der Stream-Kultur. Sie halten etwas fest. Ganz im Sinne von Alexander Kluge, der in seinem Essay „Die Entsprechung einer Oase“ davon spricht, dass unsere Köpfe, um der Reiz- und Informationsüberflutung standzuhalten, unabhängige Oasen der Kulturproduktion im Netz brauchen. E-Books können solche Oasen sein. Sie ermöglichen eine endliche Lesart des Unendlichen: Konzentration, Archiv, Austausch. Man kann zwar nicht zweimal in den selben Fluss steigen, aber zwei Menschen können das gleiche E-Book lesen.

Ein Beispiel für diesen Prozess: Die Radiojournalistin Julia Tieke traf den syrischen Aktivisten Faiz in Gaziantep, einer kleinen türkischen Stadt an der syrischen Grenze, als sie für ein Feature über oppositionelle syrische Radiosender recherchierte. Sie wurden Facebook-Freunde.

In einem Interview mit der Literaturbloggerin und Buchhändlerin Sophie Weigand sagte sie: „Als ich am Manuskript saß, fragte ich mich, was Faiz jetzt macht und wo er ist. Ich hatte von einem gemeinsamen Freund gehört, er sei in Griechenland, auf dem Weg nach Deutschland. Da nahm ich Kontakt auf, und mit meinem ersten Satz beginnt dann auch das E-Book.“

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Das ist ein Screenshot des PDFs. Als Julia Tieke mit Faiz chattete war keinem von beiden klar, dass aus diesem Chat einmal ein E-Book werden würde. Sie sendeten Informationen, Fragen, Antworten hin und her, es entstanden fragmentarische Texte, die Faiz‘ Fluchtweg von Mazedonien, nach Serbien, nach Rumänien, lückenhaft, aber direkt, ungeschönt abbilden.Weiterlesen »

Erste elektrische Lesenacht im LCB am 19. Juni

Die erste elektrische Lesenacht im Literarischen Colloquium Berlin am 19. Juni 2015 gibt einen Einblick in die Verlagsprogramme von vier Berliner Digitalverlagen. Dieser Veranstaltungshinweis, durchaus auch in eigener Sache, gehört natürlich hierher!

So gibt es bei CulturBooks etwa Übersetzungen der preisgekrönten englischen Autorin Pippa Goldschmidt, übertragen von der Verlegerin Zoë Beck selbst. Mikrotext gibt aktuellsten Themen Raum, etwa dem jungen syrischen Autor Aboud Saeed, der vom Kleinstadt-Schmied zum prominenten Facebook-Dichter wurde, aber auch literarischen Reportagen von Sebastian Christ zu aktuellen Themen wie dem Ukraine-Krieg oder dem NSA-Skandal. Auch gedruckt wird das E-Book ab und zu, etwa vom Verlagskollektiv Shelff in zwei Exemplaren – als wertsteigernde Anlage. Der Frohmann Verlag setzt auf im Netz entstehende Textphänomene. Vier Verlage, die sich auf das Veröffentlichen literarischer Texte im „pur-digitalen“ Format konzentrieren und dabei neue Wege beschreiten, stellen sich mit ihren Autorinnen und Autoren vor.

Mit Pippa Goldschmidt (CulturBooks), Gregor Weichbrodt und Michaela Maria Müller (Frohmann), Aboud Saeed und Sebastian Christ (Mikrotext), Imran Ayata (Shelff). Musik von UMA (DJ-Set). Im Anschluss Tanz und Blicke auf den sommerabendlichen See. Kommt vorbei!

Eintritt 8, erm. 5 EUR.

Eine Veranstaltung der Electric Book Fair

(Bitte beachtet auch den einen Tag später stattfindenden Electric Afternoon)

Rainer Moritz über den Eurovision Song Contest

Rainer Moritz LiederJetzt müssen sie wieder ein Jahr warten. Alle ESC-Afficionados. Und derweil läuft einmal wieder die Punkte-Analyse-Maschine. Warum, warum haben „wir“ dieses Jahr nur 0 Punkte bekommen? Warum mag „uns“ (Deutsche) keiner? Etc. Wer gerne die populäre Kultur und allgemeine politische Tendenzen zusammenliest, kann sich mit dem neuen E-Book von Rainer Moritz, der auch Leiter des Literaturhauses Hamburg ist, in nostalgischen Gedanken zum europäischen Schlagerwesen verlieren. In vier Essays erinnert er sich an seinen ganz persönlichen Wettbewerb, wie er ihn als Kind in den 70ern zwischen Eltern mitfiebernd erlebte oder wie Lena Meyer-Landrut 2011 als neuer Stern, äh, Satellit aufging: „Erst mit Lena und ihrem in einem bis dahin unbekannten englischen Dialekt vorgetragenen Satellite wurde schlagartig alles anders. Deutschland war wieder wer, und ausgerechnet der lange als Mottenkiste der schlechten Musik verschriene Eurovision Song Contest schaffte es, nationalen Taumel auszulösen.“

Die Essays sind flott geschrieben – und hier und da vermutlich als Teile schon in journalistischen Beiträgen vorher erschienen – und künden vom wahren Fantum, aber auch von diesem ungemütlichen Wir-Gefühl der Deutschen, die wieder wer sein wollen. Ein wenig kritische Masse hätte dem E-Book nicht geschadet, auch zur Marketing-Maschinerie, den hysterischen Vorrunden und dem Product Placement, für das mittlerweile der ESC steht. Auch eine kleine musikalische Analyse: vom Chanson zum Mainstream-Schlager, so in der Art, hätte das E-Book abgerundet. Versöhnlich schenkt uns der Autor zum Schluss eine Fleißarbeit, eine Liste seiner liebsten Auftritte und/oder Gesänge. Na gut, Listen gehen ja immer. Wenn diese dann noch verlinkt wäre, so dass die Leserin schnell ins digitale Archiv herüberwechseln könnte, dann wäre es zu schön. So ist es aber auch ok als individuelle Auseinandersetzung mit der Durchschnittlichkeit, die man früher Trash nannte und heute Mainstream heißt. Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel (hier, ein bisschen Werbung, gibt es von ihr ein E-Book) hat es, meines Erachtens, für die VICE mal wieder urpassend zusammengefasst: „Früher war alles auf eine schlechtere Art besser.“

Rainer Moritz: Lieder, die wie Brücken sind. Hanserbox, Mai 2015. 2,99 Euro.

Is the artist necessary for making art today? Fragen Swantje Lichtenstein und Tom Lingnau

Als Hommage an ein Buchprojekt, welches das Pariser Palais Tokyo Ende des Jahres 2001 mit den Kuratoren Jérôme Sans and Marc Sanchez herausgab und das Hunderte Antworten zur Frage „What is the artists’s role today?“ versammelte, stellten die Dichterin Swantje Lichtenstein und der Künstler Tom Lingnau eine ähnlich Frage für ihr Theorie- und Praxis-Weblog Covertext: „Is the artist necessary for making art today?“ In einer ersten Runde schickten etwa Hannes Bajohr, Nick Montfort oder Antonia Low ihre Ergebnisse. In der zweiten Runde bin ich auch vertreten, zusammen mit Mara Gentschel oder Tobias Roth. Ich nutzte Googles Auto-Respond-Funktion, sowie die schöne Webseite Googlism, die zu Begriffen und Namen Google-Definitionen ausspuckt: What does Google think? Hier schon ein Vorschau auf einen der von mir erstellten Google-Screenshots:

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Auffällig ist, dass Google Wörter und Wortkombinationen nicht wertet und damit für lingustistische Überraschungen sorgt, auf die auch ein Dichter stolz sein könnte. Ein so dinghaftes und alltagsentnommenes Wort wie „Kuchendekoration“ steht in einer ähnlichen Suchabfolge wie der „ethische Mensch“. Google versucht also durchaus, Kunst zu produzieren? Oder eher nur Sprachmüll? Oder ist es alles nur beiläufige und egale Maschinensprache – denn die Suchbegriffe stammen ja wiederum vom Menschen?

Ein Techniktagebuch, herausgegeben von Kathrin Passig

54e3c65e7fcd20dd763fadcfAnfang 2014 begann die kluge Netzvordenkerin Kathrin Passig mit dem Kollektiv-Tumblr „Techniktagebuch“, auf dem mittlerweile etwa 100 Autoren ihre Erlebnisse mit Werkzeugen der digitalen Evolution festhalten: ein Alltagsarchiv über erste Computer, den Walkman, vordigitale Schriftkulturen, Einwegkameras, dessen Zeitleiste bis in die 1950er Jahre zurückreicht. Weil die Maschinen auch Nutzerverhalten einfordern, verwandeln sie sich in plastische Gegenüber, die sich querstellen, faszinieren, amüsieren, manchmal schnell wieder verschwinden. Durch das Techniktagebuch bleiben sie uns erhalten: auf der URL, als kostenloses Blog-Gesamt-Download von 2000 Seiten PDF oder in einer kaufbaren Best-of-Auswahl, sortiert nach dem Zeitpunkt des technisch Erlebten. Mein Lieblingsbeitrag erzählt von einem „Quotenmädchen auf der CeBIT“, der Herausgeberin selbst, um 1986, die mit zwei Freunden einen Grafikwettbewerb betreut – so gut, dass sie sich selbst den Gewinn, den Computer „Iskra Delta Partner“ zuschustern. Leider wird er ohne Betriebssystem geliefert. Technik: nicht erklärt, sondern wirklich erzählt.

Kathrin Passig (Hg.): Wir hatten ja nix. Ein Techniktagebuch. sobooks. 1,99 Euro

Zuerst erschienen im Missy Magazine, Mai 2015.

Tausend Tode schreiben, herausgegeben von Christiane Frohmann

tumblr_nfumi3H33I1snbv2io1_1280Es erscheint wie ein wahnwitziges Projekt: 1000 heutige Texte über den Tod will die Digitalverlegerin Christiane Frohmann sammeln. Mittlerweile liegt die dritte Version von „Tausend Tode schreiben“ mit 425 Beitragenden vor, darunter die Musikerin Sookee, Autorinnen wie Daniela Seel, Sarah Khan, Margarete Stokowski, Twitterer, Blogger, Menschen aus dem Netz und von anderswo. Bis Oktober 2015 soll die runde Zahl erreicht sein, ihr könnt auch noch mitschreiben. Das Erstaunliche: Es ist nicht deprimierend, so exzessiv über so das Ende des Lebens zu lesen, es ist sogar erbaulich. Denn immer wenn jemand geht, bleibt auch etwas. Ja, das ist eine banale Erkenntnis. Ebenso banal: Sterben ist auch in unseren klinisch-gesunden Zeiten nicht überwunden, es ist mitten unter uns. Aber es fordert uns wie eh und je heraus. Total. Emotional.

Christiane Frohmann (Hg.): Tausend Tode schreiben. Version 3.1. Frohmann Verlag. 4,99 Euro.

Zuerst erschienen im Missy Magazine, Mai 2015.